Von unserem englischen Korrespondenten

Dr. E., London, Anfang Februar

Die zweite Attacke auf den Lebensstandard, die die konservative Regierung Großbritanniens zur Überwindung der Bilanzkrise vergangene Woche unternommen hat, erscheint (ungleich der ersten Notverordnung vom 8. November) auf den ersten Blick vielleicht strenger, als sie in Wirklichkeit ist. Von sozialistischer Seite sind allerdings die vorgesehenen Maßnahmen sogleich als zu hart und ungerecht bezeichnet worden und Tatsache ist, daß sie im Gegensatz zu den ersten Maßnahmen, sich sehr rasch in den breiten Volkskreisen fühlbar machen werden. Doch ist die ökonomische Einsicht der Labourpartei offenbar nicht sehr tiefgründig, jedenfalls ging das aus Attlees Analyse der Krise hervor – er meinte während der großen Debatte in der vorigen Woche: Die englische Krise sei zum großen. Teil dem „unberechenbaren Verhalten der amerikanischen Wirtschaft“ zuzuschreiben.

Entschieden bedeutsamer ist das abgewogene Urteil der führenden wirtschaftspolitischen Zeitschrift „Economist“ und der über dem Parteienkampf stehenden Meinungsblätter „Times“ und „Manchester Guardian“, die alle dem Schatzkanzler Butler warmen, Beifall zollen, jedoch nur unter der Voraussetzung, daß er das Krisenprogramm im bevorstehenden Budget mit gleicher oder noch größerer Entschlossenheit vervollständigen und verschärfen wird. Die Vorverlegung der Budgetankündigung vom April auf den 4. März wird von ihnen und insbesondere auch von allen Wirtschaftskreisen aus diesem Grunde besonders warm begrüßt. Man weiß, daß die wichtigsten Krisenmaßnahmen, vor allem die anti-inflationistischen, die in einer nachhaltigen Exportsteigerung den besten Beitrag zur Überbrückung des Defizites der externen Zahlungsbilanz sehen, nur im Rahmen des nächsten Budgets und Finanzgesetzes getroffen werden können.

Das erste Notrezept Butlers ordnete, wie man sich erinnert, vor allem eine Drosselung der Importe Großbritanniens vom europäischen Kontinent im Umfang von 350 Mill. £ an sowie auch eine straffere Kreditdisziplin. Diese Einfuhrbeschränkungen beginnen sich erst jetzt im Handel allmählich fühlbar zu machen. Nunmehr sollen sie auf Kosten überseeischer Länder um 150 Mill. £ erweitert werden. Tabak, nicht unbedingt lebenswichtige Nahrungsmittel, Kleidungsartikel, Möbel, Teppiche, Schuhe und Spielzeug hat Butler – besonders aufs Korn genommen. Doch bleibt auch Europa von der neuen Bilanzentlastung nicht ganz verschont, indem ganz unerwartet das Limit der Zuteilung von Reisedevisen, das im November schon auf 50 £ pro Person halbiert wurde, nun noch einmal gekürzt wird. Butler hat aber diesmal auch intern direkte Maßnahmen zur Konsumeinschränkung zugunsten der Ausfuhr ergriffen – Konsumeinschränkung im weitesten Sinne. Die Belieferung des Inlands mit Lastautomobilen und Privatautos wird um etwa 40 v. H. auf nur noch je 60 000 zurückgeschnitten, und das gleiche gilt für Fahrräder, Radioapparate, Waschmaschinen usw. Außerdem müssen Abzahlungserleichterungen stark eingeschränkt und für den Gesundheitsdienst Beiträge erhoben werden.

Es versteht sich, daß jede wirksame Behandlung des Krisenproblems zwangsläufig mit Opfern, bald für diese, bald für jene Kreise, bald für die ganze Nation verbunden ist. Und diese Opfer werden um so schwerer wiegen, je rascher und sicherer die Therapie wirken soll. Die auf allen Seiten laut werdenden Klagen sind der beste Beweis und Maßstab für die Zweckdienlichkeit der Maßnahmen. Noch sind sie entschieden nicht laut genug, doch beginnt der Chor der Betroffenen verheißungsvoll anzuschwellen. In der Tat gewinnt man den Eindruck, daß die ins Auge gefaßte Drosselung der Einfuhr um etwa 500 Mill. £ und die interne Einsparung von Erzeugnissen der Metallindustrien im Wert von 150 bis 200 Mill. £ zugunsten der Ausfuhr, ausreichen werden, um das Defizit der letzten sechs Monate in der Zahlungsbilanz zu beseitigen. Wenn Gaitskell seinem Nachfolger vorrechnet, daß er zu weit gehe und den Bilanzausgleich um 200 Mill. £ überschreite, so vergißt er vollkommen, daß die Aufnahmebereitschaft des Weltmarktes in manchen Branchen bereits gelitten hat.

Die Marge von 200 Mill. £ könnte sich leicht als unzureichend erweisen und England kann sich das Risiko fortgesetzter Verluste der Devisenreserve einfach nicht mehr leisten. Noch ist die Gefahr groß, daß der Reservenschwund trotz der Zusage amerikanischer Hilfe im Umfang von 300 Mill. Dollars nicht mehr früh genug aufgehalten werden kann. Ja man muß die Notwendigkeit einer Kreditaufnahme, wenn nicht Englands selbst, so doch anderer Sterlinggebiete, fast als unumgänglich bezeichnen. Es müßte jedenfalls von einem wahren Wunder gesprochen werden, wenn die Wendung zum Besseren sich rasch genug vollzöge, um die Reserven nicht auf ein Niveau sinken zu lassen, auf dem die gegenwärtige Sterlingparität nicht mehr haltbar wäre. Überhaupt hängt viel von der versprochenen Kooperation der andern Sterlingländer ab.

In England selbst bleibt es eine offene kritische Frage, ob im kommenden Budget auch ausreichend für die Haltbarkeit des verstärkten Exportanlaufs durch Deflationsmaßnahmen gesorgt wird, damit die Konkurrenzfähigkeit nicht verlorengeht. In den letzten paar Monaten stiegen die Lohnsätze rascher als je und die Verknappung der Konsumversorgung muß den Inflationsdruck noch erhöhen. Es gilt somit jetzt die Spiralendrehung durch verminderte Staatsausgaben und Subventionen aufzuhalten. Das eine hat Butler bereits verheißen, den andern Schritt, der besonders viel Mut im verhätschelten Wohlfahrtsstaat erfordert, muß er noch tun.