III. Mannequins marschieren für die Mode – Die aufgeputzte Messestadt – Ein Franzose sieht die Ostzone

Von Claude Lanzmann

Daß die Einwohner der Staaten hinter dem Eisernen Vorhang besser marschieren können als die Völker der westlichen Demokraten, ist nicht erstaunlich. Daß sie aber auch die schöneren Seiten des Lebens besser beherrschen, ist der Wunschtraum ihrer Funktionäre. Claude Lanzmann, der französische Journalist, der sich wochenlang illegal in der Sowjetzone aufhielt, berichtet heute vom „Messetrubel“ in Leipzig und von einer Modenschau des schlechten Geschmacks mit Modellen aus volkseigenen Betrieben.

Ich reise von Berlin nach Leipzig. Abreise am Anhalter Bahnhof, im amerikanischen Sektor, um zwei Uhr nachmittags. Durch den Bahnhof schaut der Himmel, die Mauern sind durchlöchert, die Waggons sind unbequem. Die Höflichkeit der Nachbarn scheint mir gefährlich: ich bleibe auf dem Gang stehen und vermeide die Unterhaltung. Die Reisenden sind meist ärmlich gekleidet, doch sind einige elegante darunter. Zehn Minuten vor dem Abgang des Zuges leert sich der Bahnsteig. Eltern und Freunde sind hinter der Sperre aufgestellt. Taschentücher flattern. Diese Menschen haben ein besonderes Gefühl für den Abschied.

Wir rollen seit einer halben Stunde über das Gebiet der „Demokratischen Republik“. Ich erwarte eine Kontrolle, es kommt aber keine. In Großbeeren hält der Zug zum erstenmal: eine Abteilung sowjetischer Soldaten, roten Stern am Helm, erklettert den Wagen, der für die Besatzungstruppen reserviert ist. Ein Grenzpolizist hält einen herrlichen Polizeihund an der Leine und sieht zu, wie der Zug sich in Bewegung setzt. Erst in Jüterbog erscheint die Kontrolle im Gang, ohne daß ich sie einsteigen gesehen hätte. Vier junge Leute in Zivilkleidung. Sie müssen schon seit der Abfahrt in Berlin im Zug sein. Systematische Durchwühlung. Der Inhalt der kleinsten Mappe wird minuziös inventarisiert. Keine Ware, die aus Westberlin stammt, darf in die Republik mitgenommen werden. Eine metallische Stimme verlangt die Personalausweise.

Eine sächsische Frau schilt in einem nahezu unverständlichen Dialekt: man hat ihr zwei Büchsen Kondensmilch, ein wenig Schokolade und ein Stück Stoff beschlagnahmt, die sie in Westberlin gekauft hatte. Sie muß wahrscheinlich Strafe zahlen. Es gibt nur Frauen in meinem Abteil: ein reizloses junges Mädchen, zwei Matronen und zwei rheumatische Großmütter. Alle haben Einkaufsnetze und waren nach Berlin gefahren mit ein und derselben Absicht: einige von den Lebensmitteln zu erhaschen, deren sie seit so langer Zeit beraubt sind. Das; was an meiner Kleidung westlich ist, erregt ihre Aufmerksamkeit. Aber mein schlechtes Deutsch und das Bekenntnis meiner Nationalität bewirken ein Wunder. Jetzt bin ich meinem Wesen nach ein Privilegierter, notwendigerweise ein Reicher, der im Überfluß lebt, und ohne jeden Zweifel ein glücklicher Mensch. Die Besessenheit mit der Ernährungsfrage verdreht die einfachsten Gedanken, und diese Frauen leben in der Idee, daß der Westen ein Paradies ist. Das sollte mir später auch noch ein Pfarrer bestätigen.

Jetzt zieht eine der Großmütter aus ihrem Korsett eine Reihe von Bananen. Wir brechen in das Gelächter von Komplicen aus. Das Gespräch dreht sich ausschließlich um die Ernährung, die Preise, die verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten in den HO-Läden (in den Geschäften und Restaurants der HO werden die Waren ohne Marken verkauft, aber zu erhöhten Preisen), und um den Überfluß in Westberlin.