Der Deutsche Getreidehandelstag 1952, Ende Januar in Mannheim vom Zentralverband des Deutschen Getreide-, Futter- und Düngemittelhandels veranstaltet, hat gehalten, was man sich angesichts der vom Bundesernährungsministerium angekündigten Anbietungspflicht für Inlandgetreide davon versprach. Die Atmosphäre war gespannt, als Verbandspräsident Michelsen (ohne sich auf Goethe-, Schiller- und Hölderlin-Zitate zu beschränken) das Gefecht mit einem deutlichen Hinweis eröffnete: Bei Verordnungen, die „nur für Verteiler in einer Zwangswirtschaft, aber nicht für selbständige Kaufleute passen“, sollten sich die Behörden nicht wundern, wenn die Wirtschaft „trotz Androhung schwerer Strafen andere Wege“ gehe. Seine Forderung: Freiheit durch Abbau restlichen Zwanges. – „In der Tendenz werden Sie mich immer auf Ihrer Seite haben, wenn Sie um größere Freiheit ringen“, sekundierte Bundeswirtschaftsminister Erhard, scharf mit dem Streben nach weiterer „Komplizierung des Paragraphengestrüpps“ ins Gericht gehend. „Wenn Sie zur Freiheit drängen – einverstanden; dann aber nach beiden Seiten“, erklärte der Minister. Dem Mut zum Gewinn habe sich der Mut zum Verlieren, die Courage zum Risiko beizugesellen. Geschehe das, so werde auch der Getreidehandel vermutlich nicht länger kritisiert. Michelsens Klage über Mangel an ausreichenden Kapitalbildungsmöglichkeiten („wir brauchen Kapital, damit wir mal ein paar Monate ohne Verdienst auskommen können“) parierte Erhard mit der Bemerkung, daß es unmöglich sei, „schon genug Kapital zu haben“ und man eben mit Kredit arbeiten müsse.

Min.-Dir. Dr. Staab, Repräsentant des wegen der avisierten Anbietungspflicht auf die Anklagebank gedrängten Niklas-Ministeriums, hielt trotz seiner Feststellung, daß die Brotgetreideversorgungslage entspannt und die Unruhe am Futtergetreidemarkt unbegründet sei, den für die Anbietungspflicht erforderlichen „Bedarfsfall“ für gegeben. Seine These paralysierte der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes, Dr. Lück, indem er den BEM-Sprecher ob seines optimistischen Resümees als Kronzeugen dafür aufrief, daß der bewußte „Bedarfsfall“ nicht existiere, die Anbietungspflicht ergo nicht nötig sei. Lücks elegante Klingenführung fand Beifall.

Der amtlichen Bedarfsfall-Begründung – es seien Anzeichen für die Tendenz spekulativer Zurückhaltung vorhanden – begegnete Dr. Lück mit einem trockenen: „Wir bestreiten das“. Wenn BEM dergleichen behaupte, möge es den Beweis erbringen. „Wir können langfristige spekulative Läger gar nicht finanzieren und würden damit schwer hereinfallen.“ Bei Weizen gebe es Läger (aber nicht um der Hortung willen, sondern „weil man ihn nicht los wird“), bei Hafer in bestimmtem Umfange (so er von der Vorratsstelle nicht abgenommen werde), bei Roggen und Gerste: Fehlanzeige. Lück verwies auf die beim Getreidehandel noch bestehenden „gefährlichen Inseln der Zwangswirtschaft mit Expansionsdrang“. Statt neuer Zwangsaktionen (Anbietungspflicht) solle man in Bonn prüfen, ob sich nicht doch eine marktkonforme Lösung (auch die Frühdruschprämie war ja marktkonform) finde, damit die kleinen verbliebenen Bezirke der Freiheit nicht weiter eingeengt würden.

Prof. Hanau (Institut für landwirtschaftliche Marktforschung, Braunschweig-Völkenrode) bekannte ebenfalls, daß „zwangswirtschaftliche Maßnahmen kein Ersatz für den Marktmechanismus“ seien und gesetzliche Schritte „die Kräfte des Marktes sinnvoll unterstützen“ sollten. In Anbetracht der „gefährlichen Entwicklung am Schweinemarkt“ (Anfang Dezember 1951 .zählte man 570 000 Zuchtsauen, gegenüber 670 000 ein Jahr zuvor) bezeichnet Prof. Hanau es als unerläßlich, daß Futtergetreide in ausreichender Menge importiert und dann ohne Preisbindung verkauft werde; Preisbindungen könnten „auf die Dauer nur standhalten, wenn sie marktkonform sind“.

Das BEM will seine Politik der Aufstockung der Viehbestände keinesfalls aufgeben. Gut und schön – aber: es kann dieses Vorhaben natürlich nur realisieren, wenn genügend Futter da ist. Diese Voraussetzung erfüllt man in dubio am besten dadurch, daß Futtergetreide in großzügigerer Weise als bislang freigegeben, rationell damit verfahren und auf monopolistische Ambitionen zugunsten der Einfuhr- und Vorratsstelle verzichtet wird. Wenn man den Erzeugern, der „ersten Hand“, unbehinderte Freizügigkeit zubilligt, kann man von der „zweiten Hand“ (Handel und Genossenschaften) ohnehin schlecht verlangen, daß sie sich willig knebeln läßt.

Es ist nicht verborgen geblieben, daß die erwähnte (künstliche) Unruhe am Futtergetreidemarkt von Vorgängen am Braugerstenmarkt herrührt. Der Bedarf ist hier (laut Min.-Dir. Staab) zu 85 H. gedeckt; 100 000 t Braugerste fehlen zwar noch, aber die Bestände bei der Landwirtschaft sind höher als im Vorjahre, und das BEM bemüht sich außerdem um Auslandsgerste. Also viel Lärm um fast nichts. „Hätte man etwas mehr Disziplin gezeigt“, rügte der BEM-Sprecher, „wären die Preisverzerrungen unterblieben.“ Den vom Handel unterbreiteten Vorschlag auf Einführung eines handelsfähigen, frei übertragbaren Bezugscheines für Futtergetreide als Gegengabe bei Roggenablieferung lehnt das Ressortministerium ebenso glatt ab wie die Individualisierung der Globaleinfuhr.

Das BEM hat jetzt darüber zu befinden, ob neue, als diskriminierend empfundene Reglementierungen oder marktwirtschaftliche Lösungen die künftige Entwicklung auf dem Getreidemarkt bestimmen sollen. Prof. Erhard mag an diese für seinen Ministerkollegen heikle Alternative gedacht haben, als er bei den pointierten Parolen des Hauptgeschäftsführers Dr. Lück schmunzelnd an seiner Zigarre zog ... Helmut Benecke