Ende Oktober 1951 fand in Saarbrücken, unter dem Vorsitz des jüngst vom Hohen Kommissar zum Botschafter avancierten Gilbert Grandval, eine geheime Sitzung statt. Anwesend waren in der Hauptsache Vertreter der französischen Bergwerksregie (Regie des Mines), ferner Vertreter der großen, nunmehr unter französischer Verwaltung stehenden Hüttenwerke und die Leiter der mit der Sûreté eng liierten Werkspionage, denen unter den Saararbeitern das Ressort „Stimmung“ übertragen ist.

Die Sitzung war einberufen worden, um sich mit der sinkenden Kohlenförderung, einer Folge des passiven Widerstands der Bergleute, zu befassen. Die Vertreter der Regie des Mines zeigten sich darüber sehr besorgt, um so mehr, als selbst in den regierungskontrollierten Gewerkschaften eine steigende Opposition zu bemerken war. Zu dieser Opposition trug die-Nachricht bei, daß die „Regierung“ Hoffmann beabsichtige, die noch unerschlossenen Kohlenreserven im Warndt gleichfalls für fünfzig Jahre an Frankreich zu verpachten. Das Blatt der Einheitsgewerkschaft „Saar-Bergbau“ hat in dieser Sache eine Sprache verwandt, die bis dahin undenkbar gewesen wäre. Mit der Verpachtung des Warndt, schrieb das Blatt, „wäre das Saarvolk um über ein Drittel seines Gesamtkohlenvorrats, der zusätzlich neben der Gesamtausbeutung der Saargruben durch Frankreich ausgebeutet wird, betrogen. Das wäre der Totalangriff Frankreichs auf das saarländische Volksvermögen mit dem Einverständnis der Saarregierung!“

Mitten in der erregten Debatte der Geheimsitzung meldete sich Grandval zu Wort. Er hatte Tröstliches zu berichten: Die Opposition der Saarbergleute waren nur so lange gefährlich, wie hinter ihnen ein erstarkendes Deutschland stände, das von den Amerikanern als wichtig für die Verteidigung Europas betrachtet werde. Da sei er aber in der Lage, eine erfreulichere Entwicklung anzukündigen: Die französische Politik steuere auf ein erneutes freundschaftliches Einvernehmen mit Sowjetrußland hin, wodurch man die amerikanische Politik schachmatt setzen könne.

Er ließ ferner erkennen, daß er selbst alles tue, um den neuen, gegen Deutschland und Amerika gerichteten prosowjetischen Kurs zu fördern, denn damit, sagte er, „werde die deutsche Frage zweitrangig, und Deutschland auf den hilflosen Zustand von 1945 reduziert werden“.

Ist Gilbert Grandval etwa deswegen dieser Tage zum Botschafter ernannt worden?

Hubertus Prinz zu Löwenstein