„...die Schubladen öffnen sich, man hat lange und beharrlich an sie geklopft, hat den Begabten die Scheu genommen, ihnen die Hand gereicht. Den jungen Autoren aus den Reihen der Werktätigen bleibt es nun erspart, gegen materielle und gesellschaftliche Verhältnisse anzukämpfen, die jede Begabung aus dem Volk zu ersticken suchen. Ein breiter Weg liegt vor ihnen frei.“

Mit diesen Worten begleitet der Herausgeber Michael Tschesno-Hell die kürzlich erschienene Anthologie „Neue deutsche Erzähler“ des Aufbau-Verlages, Berlin.

Bedenkt man, daß, der Aufbau-Verlag als repräsentativer Verlag der Ostzone anzusehen ist, und daß dieses Buch neben neun anderen „Büchern des Jahres“ auf Staatskosten in Massenauflagen erscheint, so kommt dieser Veröffentlichung eine besondere Bedeutung zu.

Die seit langem in der Ostzone angestrengten Bemühungen, die künstlerische Gestaltung für all das zu finden, was sich seit 1945 dort breit macht, waren bisher fast vergeblich. Man hatte Funktionäre, die in Moskau geschult waren, man hatte Aktivisten – aber wo blieben die Schriftsteller, die den Umbau der Gesellschaftsordnung, den „Menschen neuen Typs“ gestalten könnten? Hier versagte zunächst alle Planung. Die bisher geschrieben hatten, konnte man dafür nicht gebrauchen, oder sie waren nach dem Westen abgewandert, und die Schubladen, von denen Herr Tschesno-Hell spricht, waren doch nicht so ergiebig, wie es nach seinen Worten scheinen soll.

Die Anthologie umfaßt fünfzehn Erzählungen von insgesamt zehn Autoren, deren Biographien am Schluß des Buches angefügt sind. Bis auf drei stammen sie offenbar aus dem Arbeiterstand, obwohl es bei einer Fünfundzwanzigjährigen (der begabtesten), die jetzt als Arbeiterstudentin in Berlin studiert, nicht ganz klar ist.

Von den fünfzehn Erzählungen haben vier zum Thema die Arbeit in der Fabrik, fünf zeichnen die Neubauernsituation und die Einführung der Maschinenausleihstation (MAS) in die Dorfgemeinschaft, in drei Erzählungen finden Krieg und politische Nachkriegs-Situation ihren Niederschlag und aus diesem Rahmen heben sich zwei Beiträge ab, die offenbar nur aufgenommen wurden, weil in ihnen – und allein in ihnen – etwas von jener dichterischen Substanz zu spüren ist, die eine solche Anthologie überhaupt erst rechtfertigen kann.

In allen Erzählungen gibt es nur das eine Thema: der Mensch in seiner Arbeit. Menschliche Beziehungen untereinander, soweit sie überhaupt in Erscheinung treten, werden nur unter diesem Gesichtspunkt beleuchtet. Eine seltsame Welt tut sich da vor uns auf, eine Welt, von der der Herausgeber behauptet, sie sei die Welt des arbeitenden Menschen. Da sind alle nur immer arbeitsbesessen, setzen alle ständig ihre letzte Kraft ein, um beispielsweise für eine Mühle, an deren Funktionieren die Versorgung der mit Flüchtlingen überfüllten Stadt hängt, neue Mahlscheiben zu gießen. Die junge Traktoristin empfindet schöpferische Freude, wenn sie mit ihrem Motorpflug einen Acker umbricht. Da ist weiter der heimkehrende Soldat, der langsam wieder in seine Dorfgemeinschaft hineinwächst, in die Arbeit für das Dorf, und der an der freundschaftlichen Hand des Ortsgruppenleiters der SED schließlich seinen Platz findet; er wird Vorsitzender des Komitees zum Kampf für den Frieden –