Ein seltsamer Vorgang! Bert Brechts "Verhör dann eine Oper mit pazifistischer Tendenz, mußte sich eben dieser Tendenz wegen in der sowjetischen Berliner Staatsoper eine Absetzung vom Spielplan bis zur Bereinigung des Schönheitsfehlers gefallen lassen. Nun aber nahm sich das westdeutsche Frankfurt des Klassikers der kommunistischen Theaterdichtung an und servierte der aufrüstungsgefährdeten Bundesrepublik die antikriegerische Originalfassung Der verstorbene Feldherr Lukullus wird in feierlichem Leichenzug zur Gruft geleitet. Ini Schattenreich der Toten muß er sich vor einem Gericht verantworten. Als Zeugen werden die aufgerufen, die einst unter Lukullus litten. Das Gericht verdammt den Feldherrn, der nur für den Krieg und für das eigene Wohlergehen sorgte, ins Nichts.

Das Szenarium ist für den Materialisten Brecht etwas ungewöhnlich: kann es ihn überhaupt interessieren, ob irgend jemand in einer gar nicht (nicht einmal als mytisches Gleichnis) geglaubtes Elysium kommt oder nicht? Unter diesem Aspekt wirkt die ganze — sprachlich sehr eindrucksvolle — Demonstration ziemlich fragwürdig. Das Totengericht ähnelt peinlich der Spruchkammer unseligen Angedenkens, die Richter sind marxistisch geschult. Der Bruch des Stückes wird, besiegelt in" der Figur des von Lukullus unterworfenen Königs, der unter den Zeugen figuriert. Denn plötzlich übt hier Brecht an den Mächtigen der Erde erstaunliche Milde: er schickt den Besiegten in die Gefilde der Seligen, weil er — obgleich im Steuereinnehmen hart — seine Städte gegen Lukullus verteidigte. Hier geht die marxistischmoralische Rechnung nicht auf, die doktrinäre Demonstration zeigt ihren Pferdefuß. Und dieser Pferdefuß ist durchaus nicht klein . Paul Dessaus Musik akzentuiert das Bühnengeschehen nicht organisch; sie ist lediglich Motor. Hermann Schercheoi, der ebenfalls ostfreuodliche Gastdirigent dieser Premiere, sprach davon, die Musik Dessaus habe dieselbe Funktion wie die Musik im chinesischen Theater: sie ersetze durch ihren rhythmischen Akzent den Regisseur, sie gebe die Folie der Aufführung. Nun, die hiesige Aufführung bewies, daß Dessaus Komposition durchaus nicht den Stil der Inszenierung diktiert: Bühnenbild (Hainer Hill) und Regie (Werner Jakob) verfehlten offenbar den Charakter des Werkes.

Das Publikum war teils schokiert, teils harmlos oder tendenziös begeistert. Heinz Friedrich