Ballett-Abend der Hamburger Staatsoper

Das Rondo vom Goldenen Kalb“ war die erste Ballett-Uraufführung der Hamburger Staatsoper, seit Helga Swedlund als Nachfolgerin von Dore Hoyer wieder die Leitung der Tanzgruppe übernommen hat. Das „Rondo“-Thema war philosophisch-moralischer Art: Der Tod holt ein Mädchen, das dem Gold mehr zugetan ist als der Liebe; er holt den Tyrannen, der die goldene Maske trägt; er holt eine Dame, die sich im Spielsaal. selbst zum Preis gesetzt hat. Drei Episoden, drei „Nachtstücke“, wie Tatjana Gsovski, die Anregerin des Balletts, sie nannte. „Nachtstücke“ ... man muß dabei nicht an Schumann denken, wenn man eine Vorstellung von der Musik Gottfried von Einems gewinnen will; sonst aber kann man an viele Komponisten denken, denn es ist das Werk eines belesenen Mannes. Dies soll um Himmels willen nicht bedeuten, daß man Melodien wie alte Bekannte grüßt. Einem zieht den Extrakt aus 200 Jahren Musikgeschichte; doch ist es eine Fülle, die nicht blüht; die Rhythmik ist mehr errechnet, als vorausertanzt; die Partitur so kompliziert, daß man sie schon vertrackt nennen muß; dennoch dirigierte Leopold Ludwig sie – zwar nicht mühelos – mit bewundernswerter Überlegenheit. So sehr er dabei bemüht war, die Orchesterfarben kräftig aufzutragen, gelang es ihm doch nicht, die Glasglocke zu lüften oder gar zersplittern zu lassen, die diese Musikwelt hermetisch abschließt. Auch den Tänzern gelang dies nicht.

Dabei ist Helga Swedlund in ihrem Bestreben, wieder ein echtes Ballett zu schaffen – denn ganz offensichtlich war die interessante und hochbegabte Ausdruckstänzerin Dore Hoyer als Ballettmeisterin einer Oper fehl am Platze –, sehr erfolgreich gewesen. Ihre besten Solotänzer sind: Natascha Trofimowa (charaktervoll, virtuos, edles Produkt der alten russischen Ballett-Tradition), Gisela Deege (eine blonde Schönheit mit Gesten von ausgewogener Harmonie); Klaus Zimmermann (ein rasanter Tänzer mit geradezu mimischer Ausdrucksfähigkeit), Bico von Larszky (ein vitaler, männlich kraftvoller Typ). All deren Vorzüge kamen in dem Ballett zur Geltung, das Helga Swedlund nach Werner Egks prächtiger „Französischer Suite“ entworfen hat. Diese ebenso formbewußte wie modern zupackende Musik ist. freilich wie geschaffen, der klassischen Ballettkunst neue Impulse zu geben. Mehr noch aber kamen die Freunde des Balletts bei dem Tanzspiel „Hamlet“ auf ihre Kosten, das durch Tatjana Gsovsky inspiriert, von Boris Blacher mit verschwenderischer Einfallskraft komponiert und bereits in der Münchener Oper uraufgeführt wurde. Die Hamburger Aufführung zeichnete sich durch tänzerische Eleganz, mimische Deutlichkeit sowie durch – Sierckes Bühnenbilder und Kostüme aus. Der Geist des Vaters Hamlets tauchte riesengroß als bewegliche Projektion auf. Aber die Szene, da Ophelia irrsinnig wird, war sogar erschütternd: Die Trofimowa, bisher an die Regeln, die Vernunft, den Anstand des klassischen Tanzes gebunden, wird zur Ausdruckstänzerin. Ein hilfloses, verwirrtes Wesen, entgleitet sie der Regel, dem edlen Maß, wird schwebender, wiegt sich zuletzt – mehr Luftgeist als Mensch – in schaukelnden, dürren Weidenzweigen (die Alfred Siercke als zarte, andeutende Silhouetten hinter einem Gaze-Vorhang gepflanzt hätte) und wird zuletzt einfach davongeweht, ein Vogel im Sturmwind, ein Hauch ... Josef Merein