Else Hoppe: Ricarda Huch. Weg, Persönlichkeit, Werk (Dr. Riederer Verlag, Stuttgart, 972 S., Leinen DM 27,50).

Als Ricarda Huch in ihrem letzten umfänglichen Werk „Urphänomene“ beschrieb, meinte sie Urbilder des Sittlichen. So prägte sie charakteristisch den Goetheschen Sinn jenes Wortes ins Ethisch-Absolute um. Sie selbst indessen nähert sich, je weiter die schwindenden Jahre uns von dem Novembertag ihres Hinscheidens entfernen, in steigendem Grade dem Goetheschen Urbegriff. Denn wie von der einen „Bettina“ der Romantiker, so vermag unsere heutige Epoche von der einen „Ricarda“ zu sprechen, gleich und durchaus als von einem Urphänomen im Sinne Goethes. Denn alles in diesem großmütigen, hochherzigen Leben ist von der Würde echter Unvermeidlichkeit. Dieses Faktum nacherlebbar zu machen, ist das besondere Verdienst der umfänglichen Ricarda – Huch – Monographie von Else Hoppe.

Mit der 1936 von Else Hoppe vorgelegten Studie, zu der die Dichterin selbst die Verfasserin auf deren Initiative hin vertrauensvoll ermunterte, hat der monumentale Band von heute textlich kaum etwas gemein. In entsagungsvollem Fleiß erworbene Sachkunde aus erster Hand hat hier ein definitives Standardwerk hervorgebracht, das keine biographische Bezüglichkeit hinnimmt und in einer Einläßlichkeit ohnegleichen das gesamte Schaffen Ricardas aufbereitet. Nebuloser Lobpreis hat in diesem Band sowenig Platz wie literarhistorische Abstraktion. Vielmehr konkretisiert sich das Urphänomen Ricarda ganz sinnenhaft.

Wie sich der neuromantisch überschwenglichen Bürgerlichkeit der „Ursleus“, der Braunschweiger „Buddenbrooks“ (wenn man einmal so will), das „Löwenherz“ Ricardas entrang, um in der polaren Spannung zwischen Aktivität und Kontemplation das Wagnis eines großen Lebens zu vollenden, das sich in unentrinnlicher Tragik verfing und läuterte und niemals bängliche Schwäche gekannt hat: das vergegenwärtigt die Monographie Else Hoppes als eine Lehre an unsere Zeit. Auf die kürzeste Formel gebracht, heißt das Urphänomen Ricarda: Tapferkeit im Geist. Nie sollte vergessen werden, wie, während die anderen sich ängstlich bogen und wanden, Ricarda den Schergen und Henkern der geistigen Freiheit unbeugsam getrotzt, aufrecht widerstanden hat!

Hansgeorg Maier