/ Von Otto A. Friedrich

Bei meinem Rücktritt von der Stellung eines Rohstoffberaters der Bundesregierung im vergangenen Herbst ließ ich ein Problem zurück, dessen Lösung mir – als streitbarem Freunde Professor Erhards – besonders am Herzen lag und das wir oft, besonders auf unserer Amerika-Reise, behandelt hatten: den Aufbau einer weitsichtigen Vorausplanung. Einer Planung, die alle Bereiche der gewerblichen Wirtschaft und des Verkehrs, der Ernährung, der Finanzen, der Arbeit und der inneren und äußeren Verteidigung umfassen sollte.

Die Größe unseres künftigen Verteidigungsbeitrages und seine Abstimmung mit anderen Nationen, über die zunächst ohne uns und für uns von Vertretern der Hohen Kommission in Paris verhandelt worden ist, und deren Durchführbarkeit jetzt von Bundesfinanzminister Schäffer, zusammen mit den Ministern Blücher und Erhard geprüft wird, erfordern zwingend ein Plandenken auf Jahre hinaus, wenn wir die Grundlagen eines freien Wirtschaftens erhalten wollen. Jedem Praktiker der Wirtschaft ist klar, daß er planen muß; je größer das Unternehmen ist, um so weitschauender. Die deutsche Gesamtwirtschaft ist unser größtes Unternehmen; es erfordert infolgedessen die gründlichste und weitsichtigste Planung. Aus ihr soll aber nicht ein „Handeln nach Plan“ erwachsen, sondern innerhalb dieser Planung eine praktische Improvisation.

Professor Erhard hat in der „Zeit“ am 6. Dezember in überzeugender Form die These vertreten, daß unser Weg zur Bewältigung des Verteidigungsbeitrages allein über die Leistungssteigerung gehen könne. Für sie müßten allerdings von alliierter Seite verschiedene Voraussetzungen geschaffen und Hemmungen beseitigt werden. Aber auch dann noch wird von deutscher Seite sorgsam abgewogen werden müssen, welche Investitionen zur Erfüllung des Gesamtzieles vordringlich sind und wo die Grenzen des Konsums liegen, wenn der allgemeine Lebensstandard des deutschen Volkes erhalten und die Lage der Notleidenden durch produktiven Einsatz der Arbeitslosen gehoben werden soll.

Die Entwicklung birgt naturgemäß auch große Gefahren in sich. Wir können in neue Devisenschwierigkeiten hineingeraten. Es können, wie im vorigen Jahr, Spannungen zwischen Grundstoffindustrie, Energiewirtschaft, Verkehr, Außenhandel und der gesamten übrigen Wirtschaft entstehen. Wir sind von der Geld-, Kredit- und Währungsseite her bedroht und müssen den bequemen Weg der Inflation vermeiden, der das Problem nicht löst, sondern verschiebt. Schließlich laufen wir bei mangelhafter Steuerung des fachlichen Nachwuchses die Gefahr von Facharbeiterengpässen auf wichtigen Schlüsselgebieten.

Und wenn wir dann nach Überwindung all dieser Schwierigkeiten die nötige militärische Widerstandskraft gegen den Osten erlangt und den Frieden erhalten haben, so stehen wir vor einer neuen Frage: Wie kann beim Absinken der erzwungenen Verteidigungsproduktion eine Krise vermieden und unsere wirtschaftliche Existenz im internationalen Wettbewerb gesichert werden? Die gleiche Frage beherrscht schon heute die Wirtschaftspresse Amerikas und Englands; sie ist für uns angesichts des ungelösten Flüchtlingsproblems und der Sorge um Berlin noch ernster, solange wir nicht ganz Deutschland wieder vereinigt und die alten Handelsströme wieder hergestellt haben.

Darf man es wagen, die Fülle dieser Probleme ungeprüft und unbeantwortet zu lassen? Oder dürfen wir es den anderen Ländern überlassen, unsere Entwicklung nach ihrem Interesse zu bestimmen? Kein verantwortlich denkender Mensch wird diese Fragen anders als mit einem deutlichen „Nein“ beantworten können. Dann aber stehen wir unerbittlich vor der Folgerung, daß wir sofort an. die nötige Vorausschau herangehen müssen. Schon heute tragen dazu sachverständige Untersuchungen verschiedener Institute, Ausschüsse, Gesellschaften und hervorragender Einzelpersonlichkeiten bei. Aber dem allen fehlt die Orientierung und der Überblick, die nur in voller Kenntnis unserer politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten gewonnen werden können. Es ist Aufgabe der Regierung, diese Kräfte zu sammeln und sie zu einer umfassenden Erforschung unserer Möglichkeiten und Aufgaben zusammenzuspannen.