Szene: Außenministerkonferenz in Moskau. Zeit: März 1947. Drama: die vierundachtzigköpfige amerikanische Delegation ist in zwei Lager gespalten. Führer des einen: John Foster Dulles, der an die Organisation eines westlichen Blocks denkt und die Ruhrindustrie als Teil der westeuropäischen Wirtschaft „integriert“ sehen möchte. Führer der Gegenpartei: General William H. Draper, der die Auffassung Clays und der Militärregierung vertritt: er befürwortet in einem Memorandum, daß der russische Preis für ein einheitliches Deutschland – Reparationen aus der laufenden Produktion – gezahlt werde. Schon 1946 hatte er entgegen der optimistischen Auffassung Washingtons, daß sich die Bizone in drei Jahren selbst erhalten werde, nachgewiesen, daß sich nicht einmal die amerikanische Zone je selbst erhalten könne, solange nicht die wirtschaftliche Einheit Deutschlands wiederhergestellt sei. Hinter Dulles stand der gewichtigste Teil des State Department. Der zwei Monate alte Außenminister Marshall war an Hand dieser Linie in sein Arbeitsmaterial eingeführt worden.

Wenn William Draper nun europäischer Leiter der MSA (Mutual Security Agency) und zugleich politischer Vertreter Amerikas im NATO-Ausschuß wird, so hat er als oberste politische Instanz in Europa das auszuführen, was die Gegenpartei schon vor fünf Jahren in Moskau geplant und später durchgesetzt hat. Die Amerikaner sind im Befolgen einmal beschlossener Richtlinien die bestdisziplinierte Nation des Westens; es ist also sehr fraglich, ob Draper sich in bezug auf die gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeiten zwischen West- und Osteuropa an seine Auffassung aus dem Jahr 1947 erinnern wird. Der Observer hat zu seiner Ernennung geschrieben: „Er hat nie an der Weisheit seiner eigenen Politik gezweifelt, und die Ereignisse haben ihm recht gegeben, was seine Stellung sowohl den amerikanischen, wie den europäischen Völkern gegenüber stärken wird.“

Dieses „Recht-Haben“ bezog sich allerdings auf eine andere Kontroverse, die öffentlich mit Vehemenz ausgetragen wurde. Draper – seit 1945 Wirtschaftsberater von Clay – sah als einstiger Groß- und Investierungsbankier Deutschland als bankerottes Unternehmen an, das saniert werden müsse. Damit verstieß er gegen zwei Ideologien: den Morgenthau-Plan und die Antitrust-Gesetzgebung. Der Morgenthau-Plan war nur eine geheime Ideologie, durchgeführt allerdings von einer großen Zahl in Deutschland regierender Amerikaner; da er sozusagen verschämt existierte, war es theoretisch nicht allzu schwer ihm zu begegnen. Dagegen die Entkartellisierungspolik ist die offizielle, in der Verfassung verankerte Politik Amerikas, und wenn auch Draper zu Hause heftig angefeindet wurde, weil er sie umgangen habe, so waren doch nicht nur die deutschen Betroffenen, sondern auch ein Mann wie Gustav. Stolper der Ansicht, daß sie mit sturer Konsequenz durchgeführt worden sei.

Die Firma, aus der Draper kam und in die er 1949 nach zwei Jahren bei Clay, zwei Jahren als Staatssekretär im Heeresministerium, als Vizepräsident zurückkehrte, heißt Dillon Read & Co., – eine mächtige Finanzierungsbank, die sich – von Bolivien bis Deutschland – stark mit der Bergwerks- und Schwerindustrie befaßt hatte. Aus dieser Bank waren im zweiten Weltkrieg James Forrestal als Marineminister und der streitbare Ferdinand Eberstadt für die Heeresproduktion in den Staatsdienst übergetreten. Im Jahr 1947 wurde sie mit sechzehn anderen, darunter Averell Harrimans Bank, von Generalstaatsanwalt Tom Clark „der Verschwörung der Monopolisierung des Wertpapiergeschäfts“ angeklagt, ein Vorstoß, der bei der damals erst halb gebrochenen Machtstellung des New Deal gefährlich werden konnte, es aber zur Zeit nicht mehr ist.

Wenn die Franzosen offen, die Engländer versteckt, einigen Kummer darüber zeigen, daß Draper ohne vorherige Konsultierung ernannt wurde, so fürchten sie, daß er, noch stärker als die bisherigen Vertreter Amerikas, auf die Erstarkung Deutschlands hinarbeiten wird. Sie sehen in ihm einen Mann, der gewohnt ist, sich durchzusetzen, – er hat nach der Auffassung von Newsweek 1947 sogar die Stelle im Heeresministerium nur angenommen, damit Clay, der die Weisungen des State Department ablehnte, sich mit-seiner Hilfe durchsetzen könne. Sie übersehen dabei möglicherweise, daß er seiner Herkunft nach ein Realist ist und daher vielleicht für stichfeste Argumente zugänglich. -ri