Japanische Sorgen nach dem Friedensvertrag

Von Ernst Krüger

Der Wirtschaftsberater des Allierten Hauptquartiers in Japan, der Detroiter Bankier Joseph M. Dodge, hat die -wirtschaftliche Lage Japans in die Worte zusammengefaßt: „Zu viele Menschen, zu viele Geburten, zu wenig Land, zu wenig Bodenschätze.“

Statistiker haben errechnet, daß die heute 84 Millionen zählende japanische Bevölkerung bei gleichbleibender Entwicklung des Geburtenüberschusses bis zum Jahre 1975 auf 135 Millionen Menschen angewachsen sein wird. Diesem gewaltigen Bevölkerungsdruck ist die japanische Wirtschaft, die sich auf ein durch den San Franzisko-Vertrag verstümmeltes Hoheitsgebiet beschränken muß, nicht im entferntesten gewachsen. Nach dem Kriege hat Japan, wie Dodge sagte, „unter dem schützenden Schirm der Besatzung gelebt und Milliardenwerte an Gütern und Materialien erhalten, ohne hierfür durch seinen eigenen Export zu bezahlen“. Allein durch den Korea-Krieg erhielt die japanische Wirtschaft bis Ende 1951 Aufträge der USA Höhe von einer halben Milliarde Dollar, eine Summe, die ungefähr der bisherigen jährlichen Unterstützung Japans durch die Regierung der Vereinigten Staaten entspricht. Mit der Beendigung des Korea-Krieges aber werden diese Aufträge aufhören. Japan wird dann vor die Notwendigkeit gestellt sein, auf dem Wege des Exports die für seine Existenz notwendigen Mittel zu verdienen. Von amtlicher japanischer Seite wird geschätzt, daß in dem laufenden Wirtschaftsjahr der Wert der Importe, die vor allem aus den Vereinigten Staaten kommen, den der Exporte, die zum größten Teil in Länder des Sterling-Blockes geben, um 544 Millionen Dollar übersteigen wird. Niemand weiß, wie die Dollarlücke überbrückt werden soll.

Diese trüben Aussichten werden noch verdüstert durch den dem Parlament vor kurzem vorgelegen Staatshaushalt für 1952/53, der von der Regierung noch unter Aufsicht der Besatzungsmacht aufgestellt wurde. In ihm nehmen die Etats für die eigene – bis 1953 auf 350 000 Mann erhöhte – Polizei und für die amerikanischen „Schutztruppen“, den größten Posten ein. Bei diesen Ausgaben für die Verteidigung bleibt für Sozialausgaben nur wenig übrig. So ist die Unterstützung der acht, Millionen Hinterbliebenen gefallener Soldaten derart gering, daß eine Kriegerwitwe monatlich den Gegenwert von 1,65 Dollar erhält!

Die wenig beneidenswerte Lage des japanischen Ministerpräsidenten ist aber schließlich auch noch durch einen amerikanischen Druck in der japanischen Chinapolitik erschwert. „Der Architekt des japanischen Friedensvertrages“, John Foster Dulles, konnte bei seinen Londoner Verhandlungen im Juni des vergangenen Jahres die Zustimmung des englischen Außenministers Herbert Morrison zu seinem Friedens-Vertrags-Entwurf nur dadurch erreichen, daß es Japan überlassen bleiben; sollte, nach dem Inkrafttreten des Vertrages über sein; Verhältnis zu den beiden chinesischen Regierungen zu bestimmen. An diese Abmachung fühlte sich Dulles anscheinend jedoch nicht mehr gebunden, als er sich Mitte Dezember unerwartet zu einem zehntägigen Besuch nach Tokio begab, wo er Yoschida die Schwierigkeiten schilderte, die einer Ratifizierung des San-Franzisko-Vertrages durch den Senat in Washington entgegenstünden. Er ließ damals durchblicken, daß eine Ratifizierung leichter zu erreichen sei, wenn eine Erklärung der japanischen Regierung vorläge, daß sie bereit sei, Tschiangkaischek auf Formosa anzuerkennen und mit Mao keine Verhandlungen zu führen.

Vor die Alternative gestellt, entweder nachzugeben oder das Inkrafttreten des Friedensvertrages zu verzögern; entschloß sich Yoschida zum Nachgeben. Am 24. Dezember schrieb er an Dulles einen entsprechenden Brief, dessen Inhalt der Öffentlichkeit erst jetzt bekannt wurde. Er rief denn auch in England Verstimmung, in Formosa Befriedigung, in Peking zornigen Hohn und in Japan eine sich von vorsichtiger Zurückhaltung bis zur völligen Ablehnung steigernde Enttäuschung hervor.

Yoschida sieht sich also plötzlich vor eine ernste innerjapanische Krise gestellt. Für das verstümmelte Japan ist der Handel mit dem chinesischen Festland keine ideologische, sondern mehr denn je eine Lebensfrage! Die Durchführung der von John Foster Dulles erzwungenen Politik wird auf wirtschaftlichem Gebiet unweigerlich dazu führen, daß die Vereinigten Staaten auch weiterhin jährlich einige hundert Millionen Dollar dem japanischen Alliierten als Wirtschaftshilfe geben müssen. Es bleibt abzuwarten, wie lange der amerikanische Kongreß dies für seine Liebe zu Formosa zahlen will.