Von Jan Molitor

Die Konditorei des Herrn Przibill in Hamburg ist ein Ort, in dem die Musen nicht nur über Cremeschnittchen, Nußtörtchen, über "Berlinern", "Kopenhagenern" und Mohrenköpfen schweben. Als einmal in der Kunsthalle die Gemälde hamburgischer Sonntagsmaler ausgestellt waren, zeigte sich ein Przibill als Trance- und Traummaler. Seine – übrigens talentiert komponierten – Bilder schienen teils durch das Beispiel des nordischen Meisters Nolde, teils durch die parapsychologischen Versuche des ehemals berühmten Münchener Forschers Schrenck-Notzing beeinflußt, des Mannes, der die Hellseherinnen entdeckte und ein Buch mit dem Kinderzungen-Zerbrechspiel-Titel schrieb "Materialisationsphänomene". Mit dem Namen Przibill sind heute die Schriftstücke unterzeichnet, die der Erste Gildenmeister der "Hamburger Gilde" der Öffentlichkeit unterbreitet: "Ernsthafte Männer mit heißem Hamburger Herzen sind am Werk, den Gedanken der Pflege hamburgischer Art wachzuhalten und als erstes den Hamburger Fasching 1952 zu starten. – Adolf Przibill."

Seither finden allsonntags, pünktlich elf Uhr elf, in großen Gaststätten der Hamburger Innenstadt Karnevalssitzungen statt. Geübte Kabarettisten gewannen dabei nicht viel Beifall, Amateur-Karnevalisten jedoch großen Erfolg. Manches Mal erhob sich eine wuchtig-korpulente Figur: der hamburgische Polizeichef Bruno Georges, ein Mann mit Humor und guten Nerven, dessen Beamten zwar gegen demonstrierende Studenten die Gummiknüppel schwangen, doch dessen Parole diesmal heißt: Freie Bahn den Karnevalisten! So geschah es denn, daß er in Gegensatz zu Adolph Schönfelder geriet, dem Präsidenten der Bürgerschaft. Als nämlich die heißherzigen Karnevalisten ernsthaft verlangten, der Rathausplatz solle in eine Tanzfläche verwandelt werden, erwiderte Schönfelder, er werde die Zustimmung zu einer Überschreitung der Bannmeile nicht geben. Und dann mit aller Deutlichkeit: "Wir haben damals die Studenten nicht hereingelassen, als sie wegen ihrer Schülerkarten protestierten; wie können wir jetzt beim Karnevalsrummel eine Ausnahme machen?"

In dieser verzwickten Lage erhebt sich nun die Frage, wieso die Idee närrischer Freiheit überhaupt nach Hamburg geraten konnte. Vulkanartiger Ausbruch hanseatischen Überschwanges? Adolf Przibill zitiert den Spruch: Wer Dag for Dag sien Arbeit deit / Un jümmers op’n Posten steiht / Un deit dat goot un deit dat geern / De kann sick ok mal amüseern!" Aber diese Verse – klingen sie nicht eher nach niederdeutscher Grog-Behaglichkeit als nach Jubel, Trubel, Heiterkeit? Und sollte die Lösung des Rätsels neuhamburgischer Karnevalistik nicht eher in folgendem Passus der Przibillschen Faschingsweissagung zu finden sein? – "Es ist ganz außer Zweifel, daß es einen wirtschaftlichen Verlust für Hamburg bedeuten würde, wenn die Norddeutschen ihr Geld nach Köln, München und neuerdings auch Lübeck tragen, anstatt, viele tausend fremde Gäste nach Hamburg zu ziehen." – In besserem und ehrlicherem Deutsch: Gebt euer Geld zu Hause aus und verlockt andere, es bei euch auszugeben! Denn Przibill sagte wörtlich: "Unsere Schwesterstadt Lübeck hätte zum erstmaligen Fasching 1951 etwa 100 000 Besucher aus der Provinz. Wie viele kommen nach Hamburg?" Plötzlich also beginnt man sich im großen Hamburg für das kleine Lübeck zu interessieren. Was ist denn da passiert?

Hört es, ihr Kölner, Düsseldorfer, Münchener: Die Lübecker haben als Faschingsnarren im vorigen Jahre einen unbeschreiblichen Erfolg gehabt. Anders als in Hamburg haben Bürgermeister und Senatoren in der Travestadt Ernst mit dem Humor gemacht. Sie säten Papiergirlanden und ernteten ein hundertfaches Lächeln auf den Gesichtern der Geschäftsleute. 100 000 Besucher in der noch immer mittelalterlichen Innenstadt! Rosenmontagszug und Kußfreiheit für Polizisten! Die Lübecker sind nicht knauserig gewesen, und einer, der den Fall studiert hat, erklärte das Geheimnis des Erfolges so: "Nur Luxus zieht den Luxus an; nur Luxus gibt Geld aus." Es kam nun die Verführung durch den Rundfunk hinzu: Der NWDR überträgt seit Jahren karnevalistische "Fremdensitzungen" aus Köln. Und wenn schon "Fremdensitzungen" am Rhein nach Allgemeinverständlichkeit streben, um den Gästen leichter einen Begriff von der karnevalistischen Sache zu geben! – so gießen die Rundfunk-Übertragungen noch mehr Wasser in den kölnischen Wein, vom Zuckerzusatz ganz zu schweigen. Schließlich ist das Originalgetränk so verdünnt, daß es die Rheinländer nicht wundern sollte, wenn die Norddeutschen schließlich sagen: "Das können wir auch."

Auch das Maß der Karnevalistik ist relativ, nicht wahr? Und hinzu kommt die Relativität der – Geographie. Die Hamburger Anti-Karnevalisten im Rathaus sagen, Karneval könne wohl nur im Westen und Süden gedeihen. Aber nehmt die Schweden! Für sie ist Lübeck eine südliche Stadt und mit den Kanälen und heiteren Wassergräben fast soviel wie Venedig. Im übrigen freilich lehrt die einjährige Historie, daß in Lübeck ein Rheinländer, ein Kölner, mit dem Karneval angefangen hat, ein Oberkellner oder Serviermeister, der heute mit Recht viel Popularität genießt. Er brachte den Lübeckern das Schunkeln bei. Dann kämpfte er dafür, daß alle die Narrenkappe tragen sollten. Hier allerdings drohte er zu unterliegen. Er ließ sich bald – wie berichtet wird – dazu hinreißen, folgende Erklärung abzugeben: "Wenn vormittags meine Frau gestorben ist, setze ich nachmittags die Narrenkappe auf." Jetzt unterlag er endgültig, und es setzten sich beim "Elferrat" graue hohe Hüte durch und graue Plastrons. Es kam so weit, daß ein Honoratiorensohn, Boitz-Ewers, der zuvor nur bei internen Regattenfesten seine schöne Stimme hatte erschallen lassen, sich hinreißen ließ, ein karnevalistischer Volkssänger zu werden. Es geschah ferner, daß Prinz Karneval, dessen Rolle in Vorjahre ein Angestellter vom Landesversicherungsamt spielte, coram publico und nur im Vorübergehen eine Dame der ersten lübischen Gesellschaft küßte. Es heißt, daß die Dame staunte, tief atmete und – lächelte, worauf viel Eis gebrochen war. In diesem Jahre ist ein sehr angesehener Zahnarzt – Dr. Götte – zum Prinzen Karneval anvanciert, so daß man von "göttelicher Herrschaft" spricht. Indessen ist man immer noch lübisch genug, zu bedauern, daß der Karneval an der Trave sich nicht auf eine längere Historie berufen kann. "Richtig wird die Sache", so hört man sagen, "wenn sie erst einmal eine Tradition von zehn Jahren hat, besser noch hundertt." – "Das ist wie beim englischen Rasen", setzte ein Spötter hinzu und meinte ernsthaft: "Der Lübecker, führe er auch zum Karneval nach Köln, er könnte dort nicht lachen. Er hat eine andere Art von Humor." Und er schloß mit den Worten: "Die Masken rund um das mittelalterliche Rathaus sahen wunderhübsch aus. Wer das Treiben sah, der mußte sagen, daß der Karneval schön ist, sogar noch in der Verzerrung. Man muß schon genau hinschauen, um zu erkennen, daß der nordische Karneval wie eine Kindtaufe ist, der nichts fehlt als das Kind ..."

Man weiß, daß es viele Flüchtlinge in und um Lübeck gibt. Die Katholiken unter ihnen –: die haben den lübischen Karneval im Vorjahr mitgefeiert. Sie wußten, daß auf die Faschingszeit die Fastenzeit folgt; sie gingen zur Kirche und nahmen das Aschenkreuz. Für die übrigen aber ging die Saison der Kostümbälle weiter. Sie tanzten und hoben den Fremdenverkehr. Und hier liegt die Erklärung dafür, daß der norddeutsche Karneval – mag er in Lübeck offiziell oder im spröderen Hamburg nur inoffiziell gefeiert werden – einer Kindtaufe ohne Kind gleicht.

Es ist kein seelisches Bedürfnis vorhanden, vor eine allgemein gehaltene Fastenzeit Wochen voll von Saus und Braus zu setzen. Es zeigt sich vielmehr jenes Bestreben, unter der Maske der Narretei den Fremdenverkehr zu heben; ein Verfahren, das ganz erstaunlich wäre, wüßte man nicht, daß allenthalben die Stadtsäckel leer und die Ausgaben beträchtlich, ja elendig hoch sind. Daher, daß noch zu keiner Zeit die Menschen wie die Behörden so sehr zum Gelde drängten wie in unserer Nachkriegszeit. Daher, daß alle deutschen Städte – mögen sie auch viertelweise noch in Trümmern liegen – die Parole haben, den Fremdenverkehr zu heben, als wäre es ein Ideal, die Menschen von ihren Wohnorten hinwegzulocken, und sei es in die übernächste oder wenigstens die nächste Stadt.