Das schwere Schicksal, Mensch zu sein – Ein Arzt erzählt von seinen Patienten

Vor Jahrzehnten hat einmal ein Arzt, der im Wedding, dem Berliner Arbeiterviertel, praktizierte, in einem schmalen Buch die Geschichten gesammelt, die seine Patienten ihm erzählt hatten. Das Buch „Wedding mit Herz“ ,das lange vergriffen war, ist kürzlich im Blanvalet-Verlag wieder erschienen. (Siehe „Die Zeit“ vom 13. Dezember.) Charakteristisch an ihm ist der realistische Witz – Symbol des Sich-nicht-unterkriegen-Lassens –, der in den erlebten Anekdoten des Berliner Arztes funkelt. Man erlebt Patienten, die mit Grazie litten. Ihr klagendes „Ach, Herr Doktor!“ ist nicht ohne Selbstironie. – Jetzt hat auch ein Pariser Arzt, Dr. Raoul Carson, kleine Szenen auf geschrieben, die er mit seinen Patienten erlebte. Und siehe: da ist die gleiche Schlagkraft der Formulierung, die wohl für Bewohner einer Weltstadt typisch ist. Und doch ist da ein Unterschied: Waren die Patienten vom Wedding witziger, so haben die Äußerungen der Pariser Patienten mehr – Poesie. Was das Buch des Pariser Arztes außerdem so wertvoll macht, ist dieselbe Eigenschaft, welche die Schrift des Berliner auszeichnete: Man erkennt das Schicksal, Mensch zu sein, und diese Erkenntnis macht uns zu Brüdern. J.M.

Alles dreht sich

Ein Mann in den dreißiger Jahren, Spezialarbeiter. Feine, gut gezeichnete Züge. Es geht eine gewisse Würde von ihm aus.

Herr Doktor, bei mir ist nichts mehr in Ordnung. Alles dreht sich. Ich bin wie ein Blatt im Winde. Ich habe einen Schleier vor den Augen, und plötzlich tanzen Lichter um mich herum. Ich ließ mich ins Krankenhaus bringen. Dort wurde ich dem Professor vorgestellt. Er hörte mich ab und untersuchte mein Gleichgewicht in der Nähe von Nase und Ohr ...

Hat er irgend etwas festgestellt?

Nach seiner Diagnose ist es eine alte nasale Affektion. Aber, unter uns, Herr Doktor, ich habe meine Meinung. Ich glaube, das kommt alles von meinem Beruf. Ich bin Dreher. Das war eine schöne Arbeit. Ich liebte mein Handwerk. Des Nachts wachte ich auf und dachte an meine Maschine. Am liebsten hätte ich sie mit nach Hause genommen, so gern hatte ich sie.