J. B. Wien, im Februar

Seit langem ist in Österreich von einer Fusion in der verstaatlichten Montanindustrie die Rede. Vorerst geht es dabei um den Zusammenschluß zwischen der Alpine Montan-Gesellschaft und den Vereinigten österreichischen Stahlwerken (VOEST), weiter aber auch um die Vereinigung des gesamten „Konzerns“ unter Einschluß der Böhler-Werke, der Stahlwerke Schöller & Bleckmann und der Hütte Liezen. Dabei will man schließlich in zwei Gruppen gliedern: a) die Erzproduktion (mit dem steirischen Erzberg als Grundlage), die Hochöfen sowie die Eisenindustrie und b) die Edelstahlindustrie.

Der zuständige Minister hatte im Vorjahr die Zusammenlegung als ein baldiges Ergebnis hingestellt. Inzwischen aber war sogar die Fusion „Alpine-VOEST“ dementiert, das Dementi jedoch dann wieder als unrichtig bezeichnet worden. Anfangs hatten wohl die Linzer VOEST Argumente gegen eine Fusion vorgebracht. Offensichtlich fürchtete man, daß die Linzer Werke zu viel von ihrer bisherigen Autorität und ihren Selbstverfügungsrechten einbüßen könnten. Man wollte anscheinend nicht zu einer Art Werksdirektion gegenüber einer mit allen Zentralgewalten ausgestatteten Generaldirektion in Wien werden. Es folgte aber sehr bald eine zweite Erklärung aus Linz, in der nur der inzwischen verstrichene 1. Januar 1952 als Termin dementiert, die Tatsache der bevorstehenden Fusion aber bestätigt wurde.

Um welche Werke handelt es sich hierbei? Es sind: Erstens: Österreichisch-Alpine Montangesellschaft, AK 180 Mill. S (Kohlenbergbau in Seegraben bei Leoben und Fohnsdorf, Eisenerz am Erzberg, dessen aufgeschlossene Lager auf 200 Mill. t geschätzt werden, und Hüttenberg in Kärnten, Hüttenwerk Donawitz durch ERP-Investitionen modernisiert, weiter: Werke Zeltweg, Walzwerk Kindberg, Werk Neuberg usw.). Zweitens: Vereinigte österreichische Eisen- und Stahlwerke AG. (VOEST) in Linz; 1945 auf US-Befehl von der „Alpine“ getrennt. AK-Auseinanderrechnung mit der „Alpine“ noch nicht erfolgt und infolge des beabsichtigten Zusammenschlusses kaum noch notwendig. Hochöfen, Stahlwerk, Blechwalzwerke, Kokerei, Gießerei und Schmiede, Maschinenbau, Stahbau, Dampfkraftwerk. Im Rohstoff ist das Unternehmen also voll vom Erzberg der „Alpine“ abhängig. Die Fusion wäre im Kernstück also die Wiedervereinigung beider Unternehmen, deren Trennung 1945 gegen betriebswirtschaftliche Argumente erfolgte. Drittens: Gebr. Böhler & Co. AG., AK 75 Mill. S (Edelstahlwerk Kapfenberg, Werksgruppe Ybbstahlwerke, weiteres Edelstahlwerk in Düsseldorf). Viertens: Schöller-Bleckmann-Stahlwerke AG., AK 17,5 Mill. S (Elektrostahlhütte, Martinhütte, Walz- und Hammerwerke, Gießerei usw. in Ternitz, Werkzeugfabrik Mürzzuschlag). Fünftens: Hütte Liezen GmbH.

Eine Fusion, über deren Termin noch keine Einzelheiten vorliegen, kann vorerst allerdings nur die in Westösterreich gelegenen Betriebe erfassen. Eine Reihe von Betriebsstätten, die zu der Gruppe gehören, unterstehen in Ostösterreich zur Zeit der sowjetischen Verwaltung, so die dortigen Werke der Böhler AG, der „Alpine“-Betrieb Stahl- und Temperguß AG, Traisen sowie die Schmidthütte in Krems.

Die Argumentation für den Zusammenschluß ist folgende: Gegenüber einer westeuropäischen Montan-Union (der Österreich in seiner „Halbsouveränität“ noch nicht angehören kann) soll auch eine geschlossene österreichische Gruppe bestehen, um „konkurrenzfähig“ zu sein. Die Situation ist in keinem Fall leicht; Österreichs eisenschaffende Industrie war vor dem Krieg kaum konkurrenzfähig, denn der Ausbau nach 1938 erfolgte mit dem Gedanken an einen Arbeitsausgleich im „großdeutschen Wirtschaftsraum“. Und im Krieg wurde viel zerstört, anschließend in dem sowjetisch besetzten Gebiet reichlich demontiert. Nun sind große Investitionen mit Hilfe des Marshall-Plans erfolgt. Gelegentlich sind vielleicht zu große Einrichtungen gemacht worden, für die normalerweise eine rentable Vollbeschäftigung nicht gewährleistet erscheint. Das Problem erster Ordnung bleibt aber die Abhängigkeit von Importkohle, denn die Investitionen nach 1938 wurden mit Ruhrkohle als Inlandlieferung gemacht. So wird neben der zu steigernden Arbeitsergiebigkeit in Österreich der Preis für Importkohle die Kostenlage und Konkurrenzfähigkeit bestimmen.