So wird nun am 15. Februar im Bislet-Stadionvon Oslo wieder das Olympische Banner gehißt. Auch deutsche Sportsleute gehen an den Start, und ihnen gelten heute unsere Wünsche. Mögen unsere jungen Kameraden durch ihr Auftreten innerhalb und außerhalb der Kampfbahnen sich nur Freunde erwerben und so zu Botschaftern unseres guten Willens werden! Schon hat Anderl Ostler, der deutsche Bobfahrer, erklärt: „Man hat uns freundlich in Empfang genommen. Ich glaube: man freut sich allgemein, daß wir dabei sind!“

Im olympischen Sport gibt es weder ein Gefühl der Verletztheit, noch ein Vergeltungsgefühl. Da Deutschland zudem eine Mannschaft nach Norwegen entsendet, deren Angehörige zumeist noch Jugendliche waren, als schwere Zeiten über Europa kamen, wird das Zueinanderfinden nicht viele Schwierigkeiten bereiten. Aktive Sportler vertragen sich immer gut. Und deshalb war es gut, daß man sich trotz mancher Bedenken entschloß, auch nach Oslo zu den Winterspielen der XV. Olympiade zu gehen.

Es gibt heute viele Menschen, die sich fragen, ob denn Olympische Spiele noch einen Sinn haben. Vielleicht – so fragen sie – stacheln sie mehr die nationalen Leidenschaften auf, anstatt sie zu dämpfen?

Gewiß: weder der ständige internationale Sportverkehr, die freundschaftliche Verbundenheit der Sportler aus allen Ländern untereinander, noch die Olympischen Spiele haben Kriege verhindern können und uns den ewigen Frieden beschert, nach dem wir alle uns sehen. Aber wie anders will man den Weltfrieden sichern, wennnicht durch die Jugend, durch ihre Freundschaft und ihre gegenseitige Achtung voreinander? In seinem Geleitwort zu den Spielen der XI. Olympiade 1936 zu Berlin hat der verstorbene Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Graf Baillet-Latour, gesagt: „Die Olympische Idee wirft ihre Strahlen auf das ganze Weltall. Sie hat eine Mystik geschaffen und eine solche Kraft entfaltet, die jetzt nichts mehr aufhalten kann. Wenn der Bürger viel seinem Vaterlande verdankt, so schuldet jede Nation berechtigterweise in viel stärkerem Maße etwas der Ruhe und dem Wohle der Universal-Republik, deren Mitglied sie ist und in der alle Länder zusammengeschlossen sind. – Diese Maxime aus den Werken von Fénélon faßt die geistigen Ziele, der Olympischen Spiele zusammen, deren Größe und Nützlichkeit der sportlichen Jugend der Welt durch Olympia verständlich gemacht werden soll, damit diese, indem sie sich bemüht, den Haß auszurotten, die Mißverständnisse beseitigt und mitarbeitet, im Einvernehmen mit den Menschen, die guten Willens sind, an der Herstellung der Harmonie zwischen den Völkern.“

Man ist in letzter Zeit erneut heftig Sturm gelaufen gegen die Olympischen Spiele, denen man alle ideellen Werte absprechen möchte. Man hat von einem „Karfreitagszauber der Verdummung“ gesprochen, von einem „Markt der Eitelkeit“ und „olympischem Seelenschmus“. Leider zieht das große Publikum Sechstagerummel und Gladiatorenkämpfe von Berufsringern vor. Aber, daß der Sport erst durch die Olympischen Spiele seinen festen Platz im kulturellen Leben der Welt erhielt Und sie ihm diesen Platz auch in aller Zukunft allein sichern werden, vergessen diese Menschen ganz. Nur wenige Dinge gibt es heutzutage, auf die unser Jahrhundert stolz sein kann, und zu ihnen gehören diese Weltfeiern der Jugend. Eine übernationale Sportfeier größten Ausmaßes ist die beste Erziehungsarbeit. Wer den Sport nicht verderben oder verfälschen lassen will, muß also darauf bedacht sein, daß er von Zeit zu Zeit neuen Auftrieb und Antrieb erhält. Beständen die Olympischen Spiele noch nicht, man müßte sie heute schaffen!

Und noch einmal dieses: So groß auch die Enttäuschungen waren, die wir bislang im Leben der Völker erleben mußten – die Idee vom völkerverbindenden Sport darf keine wirklichkeitsferne Schwärmerei bleiben. Pierre de Coubertin, der Wiedererwecker der Olympischen Spiele, hat uns den Weg gewiesen, auf dem wir zu wandeln haben: „Zu verlangen, daß die Völker sich gegenseitig lieben, ist kindlich; sie aufzufordern, sich zu achten, ist keine Utopie. Aber um sich zu achten, muß man sich zunächst kennenlernen. Dazu führt das olympische Geschehen.“ In diesem Sinne und Geist wird man die Olympischen Spiele des Jahres 1952 eröffnen, und wir alle hoffen, daß auch sie uns dem großen Ziele näherbringen werden. Walther Kleffel