Kurt Kersten: Peter der Große (Nest Verlag, Nürnberg, 320 S., Leinen 11,80 DM).

George Soloveytchik: Potemkin (W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 357 S., 8 Abb., Leinen 14,60 DM).

Hat ein Monarch, der vor einem vermeintlichen Anschlag auf sein Leben bebend und weinend in ein Kloster flüchtet, der sich abzeichnenden militärischen Niederlagen nur mit Zittern und Ratlosigkeit zu begegnen weiß und in der Rache gegenüber seinem Gegner vor widerlichsten Grausamkeiten nicht zurückschreckt, Anspruch auf den Beinamen „der Große“? Kurt Kersten bejaht es in seinem prägnanten, nach Überarbeitung nun auch in Deutschland vorliegenden Buch über Peter den Großen. Er wägt klug und historisch völlig aufrichtig die Schwächen gegen die Stärken des russischen Zaren ab, der seinem Reich den Januskopf mit den Gesichtern nach Ost und West aufsetzte. Allerdings kann ihn Kersten von der Fragwürdigkeit seiner Größe nicht freisprechen. Denn seine entscheidenden Erfolge sowohl gegen die Türken als auch gegen die Schweden verdankt er weit mehr den Umständen als etwa seinem Genius. Selbst bei seinem Vorfühlen nach dem Westen bleibt die letzte Klarheit über seinen Weitblick im Dunkein. Hat er erkannt, daß die Macht über Deutschland derjenigen über Europa gleichkommt? Das russische Volk von damals weinte diesem Zaren keine Träne nach, das heutige müßte ihn als Anbahner der Entwicklung feiern, die in der Synthese mit dem Marxismus Rußland zu dem dröhnenden Akkord im heutigen Weltkonzert gemacht hat.

Gleichermaßen aufrichtig und vielleicht noch lebensnaher verdichtete der Emigrant George Soloveytchik die aus Mystizismus, Gleichmut, Brutalität und Leidensfähigkeit seltsam zusammengewürfelte russische Psyche in der von den Historikern meist stiefmütterlich behandelten Gestalt Potemkins, des obersten Favoriten Katharinas der Großen. Dem Buch geht bereits der Ruhm im Ausland voraus. Seine Qualität beruht auf der Verwendung bisher wenig genutzter Quellen, vor allem einer interessanten Interpretation des langjährigen Briefwechsels zwischen Potemkin und Katharinas. Sie gipfelt in dem Beweis, daß Potemkin siebzehn Jahre bis zu seinem Tode der morganatische Gatte der Zarin gewesen ist.

Die Lektüre beider Bücher, die einen fast geschlossenen Rückblick auf das Rußland des achtzehnten Jahrhunderts vermitteln, erfüllt beängstigend deutlich jenen Satz mit Leben, den Montesquieu im selben Jahrhundert, wenn auch auf Ludwig XIV. gemünzt, niederschrieb: „In einer Gewaltherrschaft wird ein einziger ohne Gesetz, ohne geregelte Ordnung, durch seinen Willen und seine Launen alles mit sich reißen.“

Hildegard Schlüter