Deutsche Autoren“, damit sind hier gemeint: sowohl jetzige Amerikaner, die früher in deutscher Sprache publiziert haben, nach ihrer Emigration jedoch das englische Sprachidiom gewählt haben, als auch ehemals deutsche Autoren, die nach wie vor in deutscher Sprache publizieren.

Es besteht kein Zweifel, daß wesentliche deutsche*Autoren in Amerika Fuß gefaßt haben und von der neuen Welt aus auf das Mutterland zurückwirken. Wesentlicher noch ist vielleicht der Fortgang der geistigen Auseinandersetzung auf dem neuen amerikanischen Boden. Sie gruppiert sich um die Persönlichkeit Goethes und das Gespräch mit der ostasiatischen Philosophie. Goethes „Weltbürgertum“ war dazu berufen, die neue menschliche und politische Situation der Emigration zu rechtfertigen. Eine der wichtigsten Veranstaltungen des Goethe-Jahres 1949 verdankte Amerika der Aktivität eines Geistes wie Arnold Bergsträsser, der an der Universität Chikago lehrt. Er hat nicht nur eins der eigenwilligsten Goethebücher (bei Henry Regnery in Chikago) veröffentlicht, sondern auch die Ergebnisse der Goethekonferenz von Aspen mitten in den Rocky Mountains in einem Buch zusammengefaßt: „Goethe, and the modern age“ (Regnery). An diesem Buch haben Robert M. Hutchins, der jetzige Präsident der Fordfoundation, Giuseppe Borgese, Karl Reinhardt, Hermann J. Weigand (Yale-Universität), Albert Schweitzer, Stephen Spender, Walter Paepcke, Thornton Wilder, Ernst Robert Curtius, Ernst Simon, Ortega y Gasset mitgearbeitet.

Nicht minder bedeutsam sind die umfassenden Erziehungswerke Robert Ulichs, der jetzt an der Graduate School of Education an der Harvard-Universität unterrichtet. Ulich hat seine „Fundamentals of democratic education“ (American Book Company) bereits englisch erscheinen lassen. Dies Buch findet in Ulichs Gedichten eine überraschende Ergänzung: Ihre fast östliche une tiefreligiöse Weisheit zeigt, wie alle Bücher Ulichs, daß Goethes „West-östlicher Diwan“ in einer praktischen Diskussion, wie östliche Erfahrungen für die westliche Welt wirksam zu machen sind, weiterlebt. Ulich ist ein eminent weiser und gütiger Schriftsteller: „Aber wann wird endlich der Mensch erstehen, / der die Flügel der Seele zu spannen weiß zwischen dem Lächeln des Pan und der Werkstatt des Hephästus, / der die Speere des Denkens schickt in die sieben Weiten des Weltalls / und selbst in sein eigenes Herz?“ (Ulich, Psalm IX, Von der Einheit). Ulich will die Meditation in den westlichen, zu aktivistischen Unterricht einführen. Richard Hertz, jetzt wieder Beamter des deutschen Auswärtigen Amtes, wagte einen ähnlichen kühnen Angriff auf die Zivilisation in „Man in a Rock“. (Chapel Hill Press, California). Zählt man die ehemals österreichische Literatur in Amerika wie Hermann Broch oder Friedrich Thorberg, Essayisten vom Range der Hannah Arendt, schließlich Thomas Mann, Rudolf Kayser, Heinz Pollitzer, Erich Kahler – um einige Namen herauszugreifen – zu dieser literarischen Gruppe hinzu, dann ergibt sich ein literarisches Gesamtbild, das aus der jetzigen deutschsprachigen Literatur nicht ausgeschlossen werden sollte, zumal, soweit sich die Autoren nicht selbst dem anderen Sprachkreis einfügen.

Egon Vietta