Von Bernd Weinstein

Die störrische Logik der Dinge zwingt den Kollektivisten, in der Praxis das genaue Gegenteil dessen zu tun, was er theoretisch will. Das ist die Bilanz, die Wilhem Röpke in seinem Buch „Maß und Mitte“ (Eugen Rentsch Verlag, Erlenbach-Zürich) zieht. Nach dem Gesetze Marxscher Internationalität angetreten, muß der Kollektivist, will er sich durchsetzen, national sich absondern, sei es in der Wirtschaft, sei es in der Politik. Die Ideologie widerlegt sich also selbst: Die Menschen werden nicht frei. Sie werden – unter der Peitsche – gleich. Aber nicht nur diese Ideologie schillert. Was beispielsweise versteckt sich-nicht alles hinter dem Wort „liberal“? Dem einen ist es ein Ausdruck dafür, daß man sich in der Freiheit Macht erobern kann, um die Macht gegen die Freiheit – immer unter der Flagge des Liberalismus – auszunutzen. Dem anderen bedeutet es „Maß und Mitte“, eine Synthese von Freiheit und Gleichheit, von der Vernunft regiert.

Röpke ist in der Kritik gegen alle Richtungen gleich unerbittlich, logisch, temperamentvoll und überzeugend – in der Empfehlung, wie etwas zu ändern wäre, für die, die sich nach Rezepten sehnen, leider weniger klar. Wer aber auf Rezepte keinen Wert legt, kann zumindest eine Anregung Röpkes in sich aufnehmen: Erkenne, wo zuviel Gleichheit die Freiheit vergewaltigt; erkenne, wo zuviel Freiheit die Sehnsucht nach Gleichheit vergewaltigt. Genauer: Erkenne, wo der Kollektivismus anfängt!

Dieses Buch des Sozialphilosophen ist also eine „Abrechnung“ mit dem Kollektiv? Zur Hälfte ja. Doch es ist mehr. Es beginnt mit einer Beschreibung des Standorts, von dem aus der Verfasser seine Angriffe gegen das Kollektiv führet will. Er zeigt, daß er ein Liberaler ist; aber ein Liberaler, der die Fehler des überkommenen Liberalismus kennt. Dieser hat die Schranken, die der Vernunft gesetzt sind, nicht beachtet und unter der Flagge der Freiheit der Aufhebung der Freiheit nichts entgegengesetzt. „Die Krisis unserer Gesellschaft fällt mit der Krisis des Liberalismus zusammen“. Liberalismus aber, wie ihn Röpke versteht, ist nicht laisser-faire, ist vielmehr natürliche Ordnung in der Freiheit, ist eine Idee, die durchzusetzen dauernde Wachsamkeit erfordert.

Ist das nun ein neuer Schlagwort? Röpke erklärt seine Formulierung, und sie scheint stichhaltig. Er will zwei Dinge miteinander vereinigen: Freiheit und Bindung. Dem Vertrauen in die ordnende Kraft des Wettbewerbs soll das Mißtrauen gegenüber den Kräften zugesellt werden, die – gleichgültig, wo sie den Hebel ansetzen – den Wettbewerb aufheben wollen. Das also ist der Neoliberalismus, der viel Freiheit geben möchte und gleichzeitig dafür sorgen will, daß der Staat kein Nachtwächterstaat ist.

Von dieser Plattform her führt nun Röpke seine Kritik am Kollektivismus durch, der unter der „Flagge der Freiheit zur Knechtschaft führt“, obwohl man sich nicht darüber. täuschen dürfe, daß der moderne Wohlfahrtsstaat für die in nationalen Kategorien lebenden (weniger denkenden) Massen „immerhin ein Ideal“ bedeute. „Die demokratische Selbstentäußerung der Masse im Kollektiv“ sei aber so schwer zu bekämpfen, weil liberale Vernunft hier gegen eine Pseudo-Religion stehe, die gegenüber Vernunfterwägungen fast taub sei. Diese Pseudo-Religion verheiße nämlich Hoffnung, Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben, Hoffnung darauf, daß es anderen nicht, besser gehen wird als einem selbst (oh, dieser Neidkomplex!), Hoffnung darauf, daß bei Gleichheit alle gleich viel (also gleich wenig) Freiheit haben werden – ohne daß dem Anhänger des Kollektivismus beigebracht werden könne, daß dieses mechanistische Denken im Prinzip dem Menschen gar nicht liegt. Aber das braucht das Kollektiv nicht mehr zu kümmern. Hat es sich durchgesetzt, treibt es mit Zuckerbrot und Peitsche die Menschen an. So fehlt dem Individuum die Möglichkeit, sich dann, wenn es wieder erwacht, gegenüber dem Kollektiv durchzusetzen.