Als Georg VI., um den Millionen seines Volkes in diesen Tagen überall in der Welt trauern, 1947 durch Südafrika reiste, besuchte er das Grab Cecil Rhodes’ in den Matopo Hills. Er stand dort auf jenem grandiosen Plateau, dem World’s View, der letzten Ruhestätte eines der großen Mitbegründer des britischen Imperium zusammen mit dem rhodesischen Innenminister Fletcher. Als der König bemerkte, daß Prinzessin Elizabeth, die etwas zurückgeblieben war, wie verloren durch diese weltweite Einsamkeit wanderte, sagte er zu Fletcher: „Da geht Elizabeth, dieses arme einsame Mädchen“, und er fügte hinzu: „Ihr ganzes Leben lang wird sie einsam sein.“

Diese Einsamkeit, um die nur die wirklichen Monarchen wissen, hat jetzt für die 25jährige Königin Elizabeth II. begonnen. Seit sie in der Schicksalsstunde ihres Vaterlandes während der Battie of Britain – ein Kind noch – über das Radio zu den Kindern des Empires sprach und dann 1942, an ihrem 16. Geburtstag, in den National Service eintrat, war alles, was sie tat, alles, was ihr Leben ausmachte, auch die Reisen, auch die gesellschaftlichen und heiteren Anlässe und Begebenheiten, immer eine Vorbereitung auf das, was ihr eines Tages anvertraut werden würde: die Verantwortung für die Krone des englischen Reiches.

Die wenigsten außerhalb des britischen Empire und seines historischen Bannkreises wissen noch etwas von der Zauberformel: die Krone. Für die modernen Schriftgelehrten, die Staatsrechtler und die Missionare der totalen Demokratie, für sie alle ist das nur noch eine Fiktion und der König, der die Krone von Großbritannien und Irland trägt, nur eine repräsentative Figur. In der Tat ist es mit rationalen Erwägungen kaum zu verstehen, wie ein ganzes Volk dieses Wissen um die unsichtbare Macht des Königstums als einer religiös bestimmten Urform der menschlichen Gesellschaft fast wie ein Stammesgeheimnis bewahrt hat. Bewahrt durch die Zeiten der glorious revolution, der Aufklärung, des Rationalismus und Positivismus bis hinein in ein Zeitalter, das die Abschaffung jeder Hierarchie und Differenzierung für die Vorbedingung allen Fortschritts hielt und dessen Ideal eine Welt ist, die nach der Formel der mathematischen Gleichheit aller konstruiert wird.

In diesen Tagen aber ist auch für den Rationalisten und den Skeptiker, der die Bilder in den Straßen Londons gesehen oder die Berichte aus dem Commonwealth gelesen hat, deutlich geworden, daß in England die Krone keine Fiktion ist und auch kein Trick, sondern eine Realität. Eine Kraft, die mächtiger ist als eine geschriebene Verfassung, mächtiger als die zentrifugalen Kräfte nationaler oder parteilicher Divergenz. Vielleicht einfach darum, weil in dieser säkularisierten Welt, die keine metaphysischen Bindungen mehr hat, in der politische Anschauungen zu Dogmen, Meinungsverschiedenheiten zu Religionskriegen werden und in der das ganze Leben auf dem Organisationsprinzip des Krieges aufgebaut ist: Opposition gegen Regierung, Gewerkschaften gegen Unternehmer, Konsumenten gegen Produzenten, weil in einer solchen Welt die Sehnsucht nach einer Institution, die über all diesem Hader und Eifer steht, immer größer wird. Wenn der Sozialist Attlee in einem großen Aufsatz im Observer über seinen König schreibt, „kein Premierminister hat einen gütigeren und umsichtigeren ’Herrn gehabt als ich“, und wenn er weiterhin die Großzügigkeit und Toleranz preist, mit der der Hüter der Kontinuität die Labour-Regierung und ihre tief eingreifenden Veränderungen gestützt hat, so ist genau dies gemeint.

Und nun wird diese Krone eine neue Trägerin haben, die mit aller Sorgfalt und großem Ernst auf dieses Amt vorbereitet wurde. Churchill hat die Welle der Zärtlichkeit, die diesem jungen Wesen in England entgegenschlägt, in Worte gefaßt. In seiner denkwürdigen Rundfunkansprache für den verstorbenen König, die vielleicht einmal neben jenem historischen Abschied eines, englischen Königs stehen wird, der das Gesetz der Krone: Verzicht, Einsamkeit und Pflicht, nicht akzeptieren konnte, lautet der letzte Satz: „Mich, dessen Jugend von der erhabenen und gelassenen Glorie der viktorianischen Ära erfüllt war, überkommt ein geheimer Schauer, wenn ich jetzt noch einmal das Gebet und die Hymne beschwöre: God save the Queen Marion Dönhoff