Teufel oder lieber Gott?

Eine Antwort an Sartre gibt, vom theologischanthropologischen Problem her, unser Mitarbeiter Walter Fredericia:

Die Abwesenheit ist Gott“, sagt Sartre auf dem Höhepunkt seines letzten Stückes, „die Verlassenheit der Menschen ist Gott... Wenn Gott existiert, dann ist der Mensch ein Nichts; wenn der Mensch eristiert...“ – hier stehen drei Punkte. Der Zuhörer aber versteht genau, was gemeint ist: „Wenn der Mensch existiert, ist Gott ein Nichts!“

Das ist konsequent: Wenn Sartre existiert, existiert kein Gott. Diese These wird selbst den meisten Atheisten zu radikal sein. Sie ist, was Sartre betrifft, auch nicht ganz neu. Man wird ihren Inhalt, wenn auch nicht so dramatischplastisch, auch aus Heidegger entnehmen können, der allerdings nicht unter die Atheisten gerechnet zu werden wünscht. Neben seinem existierendem „Dasein“ (Mensch) ist Gott nicht möglich.

„Wenn der Mensch existiert...!“ Hier liegt der Kern der Sache. Der Existentialismus hängt an dem Aperçu der „Freiheit“. Diese Freiheit ist die Freiheit des Willens, und darin befindet sich der Existentialismus in Übereinstimmung mit der These der Kirche und außerdem mit dem intuitiven Freiheitsgefijhl, das wir alle haben, so trügerisch es auch ist. In den alten Streit über die Thesen von der Freiheit des Willens (Indeterminismus) und ihrem Gegenteil (Determinismus) soll hier nicht im einzelnen eingetreten werden, obwohl es berechtigt wäre, zum Beispiel F. S. Rothschild („Das Ich und die Regulationen des Erlebnisvorgangs“, Verlag von S. Karger, Basel, 1951) zu zitieren, der die Formel gefunden hat: „Das Freiheitsgefühl, das mit der Willenstätigkeit verbunden ist, entstammt dem Akt der Willensbildung, nicht der Wahl des Willenszieles.“ Die katholische Philosophie hat das Problem der Willensfreiheit, deren sie bedarf, weil anders die ewige Vergeltung die Basis verliert, nicht konsequent zu Ende gedacht. Konsequent zu Ende gedacht hat die Willensfreiheit aber der Existentialismus. Heidegger hat sehr wohl gesehen, daß der Mensch, wenn er frei sein soll, keine Eigenschaften haben kann – bei ihm gibt es daher keine Eigenschaften mehr, höchstens als Ersatz „Seinsweisen“. Eigenschaften sind nämlich Determinanten: Der Mensch, der diese und jene Eigenschaft besitzt, muß dieser und jener Eigenschaft gemäß auch handeln, er ist nicht mehr „frei“. Wer aber keine Eigenschaften hat, der kann auch kein ens creatum, kein Geschöpf mehr sein. Denn wie könnte man etwas schaffen, das nicht so oder so wäre, das heißt Eigenschaften hätte?! Der Versuch einer Überwindung dieses Widerspruchs, nämlich die These, der Mensch, sei mit dem freien. Willen geschaffen, ist erfolglos. Denn das würde heißen, daß der Mensch eine Anzahl von Eigenschaften hat, unter denen sich auch die Eigenschaft befindet, keine Eigenschaften zu haben. Hierin liegt denn auch die Schwierigkeit der päpstlichen Enzyklika, welche den Existentialismus, der inzwischen in der Geistlichkeit, besonders in Frankreich, zerstörerisch zu wirken begonnen hat, deshalb tadelt, weil er keine Eigenschaften des Menschen anerkennen will. In Wirklichkeit ist, wenn der Mensch frei ist, wenn er er sich selbst in seine Möglichkeiten, so oder so zu sein, entwirft, ja „schon entworfen hat“, die Folgerung richtig, die Ortega zieht: dann ist der Mensch Schöpfer seiner selbst. Er ist dann allerdings nicht ein zweiter Gott, sondern der einzige. Dann ist auch richtig, was Sartre sagt oder andeutet: „Wenn der Mensch existiert, dann ist Gott ein Nichts...“ Dadurch ist der Existentialismus für die christlichen Religion viel gefährlicher als die atheistischen Philosophien. Hinter die Systeme eines Kant, eines Schopenhauer, ja eines Marx läßt sich immer noch ein Schöpfer setzen, der alles so, wie es ist, geschaffen haben könnte. Nicht aber hinter das System des Existentialismus. Hier ist Gott tot. Der Existentialist lebt auch nicht mehr, wie der gläubige Anhänger einer atheistischen Philosophie, aus der Opposition gegen Gott. Er ist selbst Gott. Viele katholische Existentialisten – es soll auch protestantische geben – werden dies weit von sich weisen. Sie können für sich ins Treffen führen, daß einer, der von der Freiheit des Willens ausgeht und dann vom Existentialismus an der Hand genommen wird, wenn er nur immer ganz logisch bleibt, nolens volens dort landen wird, wo Sartre die Alternative stellt; entweder Gott oder Mensch. Sie haben sich eben die Implikationen des Problems der Freiheit des Willens nicht bis zum Grunde klargemacht – obwohl manche, von ihnen sich im eigenschaftslosen Jargon des Existentialismus wie der Fisch im Wasser zu fühlen scheinen.

Das macht aber weiter nichts. Denn die ganze Sache hat ihre Konsequenzen nur, wenn der Mensch keine Eigenschaften hat, Er hat aber Eigenschaften. „Man braucht sich, diese Welt nur anzusehen. Da merkt man es an allen Ecken und Enden. Sogar theoretisch ist es leicht erweisbar: Wie könnte man Politik treiben, wenn sich die Menschen in ihre Möglichkeiten entwürfen und nicht bestimmte Eigenschaften unabänderlich im voraus schon besäßen! Erst die Eigenschaften des Menschen, durch die er determiniert ist, geben dem Politiker die Chance, auf ihre Reaktionen zu rechnen. Und geben dem Philosophen die Möglichkeit, überhaupt zu ihnen zu sprachen ...

Cocktail und Boogie-Woogie