Von Alexander Mitscherlich

Professor Dr. Alexander Mitscherlich von der Universität Heidelberg, eine Kapazität auf dem Gebiet der psychosomatischen Medizin, beurteilt die Wehrdebatte im Bundestag von dem Standpunkt seines Faches. Er kommt dabei ganz von selbst zu Folgerungen, die für die Kritik an unserer heutigen Innenpolitik von erheblicher Bedeutung sind.

Wahrscheinlich haben seit Kriegsende noch nie so viele Menschen in Deutschland am Radio gesessen wie während der Wehrdebatte des Bundestages. Millionen sind zweifellos eine Masse – und dennoch war es diesmal durchaus keine Masse im Sinne einer leidenschaftlich geeinten Menge, die da zuhörte. Es war vielmehr eine Riesengemeinschaft von individuellen Hörern. Das, was Gemeinschaft erzeugte, war, daß in dieser Debatte ein Schicksal angebahnt wurde, das jeden einzelnen in direkte? oder mittelbarer Weise betreffen wird. Eine unübersehbare Zahl von Einzelmenschen war also zwar im Hören geeint, aber doch jeder in der privaten Sphäre seines Heimes, mit der ganzen Passivität des Hörers, der ohne Tuchfühlung mit seinem gleichfalls angesprochenen Nachbarn bleibt. Jeden Diktator würde eine derartige Massenteilnahme an solchem Für und Wider erschauern lassen.

Der Hörer am Radio gleicht gewissermaßen dem Blinden; da ihm die Kontrolle des Auges fehlt, schärft sich sein Sinn für die Wahrnehmung des lautlichen Ausdrucks. Der nur Hörer ist wie der bloß Sehende – man erinnere sich der Zeiten des Stummfilms – besonders kritisch, denn seine ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich auf eine einzige Ebene der Wahrnehmung. Was die physiognomische und pantomimische Geste des Redners vielleicht verstärken oder vertuschen kann, sieht zwar der Parlamentsabgeordnete, ihn umfängt die ganze Atmosphäre des „Hohen Hauses“, der anonyme Teilnehmer aber irgendwo in der Republik ist auf dieVerkürzung des Ausdrucks auf eine einzige Form der Verständigung angewiesen. Ein im Brustton, der Überzeugung vorgebrachtes Argument wird zu einer persönlichen, monologischen Deklamation. Ein Angriff von Abgeordneten zu Abgeordneten enthüllt, daß-nicht zur Sache, sondern wegen der gekränkten Eigenwürde gesprochen wird, ein Scherz, konziliant oder hämisch, wird banal oder deplaciert. Es nimmt nicht nur die Grellheit des Eindrucks zu, es ist auch, als ob die Substanz der Sache – technisch präpariert und von allen Störungen isoliert – ganz und gar bloß läge.

Was ist nun eigentlich dem so unvergleichbar geschärften Sinn dargeboten worden? War es eine Debatte, die man hörte? Oder nur ein standardisierter Stimmenaufwand für alternative Standpunkte? Wenn ich recht verstanden habe, waren zwei Hauptargumente im Spiel: Dr. Adenauer war der Auffassung, daß man es versuchen solle, zu europäischen Grundformen des Zusammenlebens zu kommen, auch wenn sich auf diesem Weg die alten „Unarten“ der verschiedenen nationalen Kinderstuben als Störungsfaktoren erweisen sollten. Er ist für Nachsicht in der ersten Phase dieser neuen Selbsterziehung, auch wenn anfänglich Gruppen-Egoismen und Rüpeleien die Eintracht erschweren. Er erwartet, daß dies sich „auswächst“, wenn sich Europa als Ganzes zivilisiert.

Die Opposition packte an ganz anderer Stelle an. Sie fordert, daß, nach den über die Vorstellungskraft des Zeitgenossen hinausgehenden deutschen Fiaskos, ein abermaliger Rückgriff auf Panzerfaust und Ordenskiste vom Volke selbst gebilligt werden müßte.

Es dürfte kaum einen leidlich reifen Deutschen geben, der nicht für beide Forderungen zu gewinnen wäre. Aber auch kaum einen, der verstünde, wieso diese beiden Argumente notwendig miteinander in Widerstreit liegen müssen. Daß man in Bonn ein Argument gegen das andere ausspielte, bleibt nur für den verwunderlich und höchst unverständlich, der vergißt, daß wir nicht in einer Demokratie schlechthin, sondern in einer Partei-Demokratie leben. Nur wenn man sich das vor Augen hält, versteht man, was da während zwanzig Stunden geschah. Nur wenn man weiß, daß der Parteistandpunkt integral für jedes Wort ist, was in diesen zwei Tagen gesprochen wurde, dann erschließt sich die Konsequenz des akustischen Spiels. Es hat sich nämlich gar nicht um eine Debatte, sondern um eine Kontroverse gehandelt – und sicher nicht nur bei dieser Lauschgelegenheit für jedermann. Debatte heißt, jedenfalls in der Absicht, gemeinsames Ringen um die Lösung einer Aufgabe für ein schließlich gemeinsames Handeln. Kontroverse heißt wechselseitiges Zähneblecken und anschließend Rückkehr auf den eigenen Futterplatz. Die Argumente stehen längst vor einer solchen Demonstration fest; keine Partei ist willens, sie durch einen echten Meinungsaustausch zu korrigieren. Und eben darum braucht man sich auch gar nicht die Mühe zu machen, von der gleichen Sache zu sprechen. Wichtig ist nur die Entschlossenheit des Auftretens.