270 Tote lagen in den Bombentrichtern – 28 Lebende sitzen in Dortmund auf der Anklagebank

Von Claus Jacobi

Seit dem 22. Januar läuft hinter der dunkelgetönten Flügeltür des Saals Nr. 81 im Landgericht zu Dortmund einer der größten politischen Prozesse Nachkriegsdeutschlands ab. 28 ehemalige Beamte und Angestellte der Gestapo-Dienststelle Hörde sind angeklagt, in den letzten Wochen des Krieges an zehn Exekutionen teilgenommen zu haben, bei denen, insgesamt 270 Menschen ohne Gerichtsurteil getötet wurden. Auf dem Halbrund des Richtertisches steht ein Christus am Kreuz.

In notdürftig zugescharrten Bombentrichtern bei Hörde, im Dortmunder Rombergpark und in der Bittermark wurden nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen die Leichem gefunden. Die meisten trugen Sträflingskleidung oder Uniform; manche waren barfuß. Polen, Russen und Franzosen, deutsche Kommunisten und Widerstandskämpfer, Männer, Frauen und Kinder. Sie waren mit Stacheldraht gefesselt und hatten einen Genickschuß bekommen. Während diese Schüsse aus den Dienstpistolen knallten, zogen schon amerikanische Artilleriegeschosse ihre Bahn über Henker und Opfer hinweg und explodierten krachend im nahegelegenen evangelischen Friedhof...

Sechs Jahre brauchten deutsche und alliierte Behörden, um – nach üblichen Kompetenzstreitigkeiten – das Dunkel der Vorgänge zu lichten. Ende Januar war es soweit: Zusätzliche Tische, Stühle und Bänke waren in den neuen Schwurgerichtssaal geschafft worden, um den 28 Angeklagten und elf Anwälten Platz zu bieten. Zwei Staatsanwälte vertreten die Anklage. Das Aktenmaterial ist auf 69 Bände angewachsen. Die Angeklagten sitzen in Regen- und Wintermänteln auf ihren Bänken. Der älteste ist 65 Jahre alt. Einst kamen sie teils von der normalen Kripo oder Schupo zur Gestapo, teils wurden sie als Kraftfahrer oder Pförtner übers Arbeitsamt dorthin vermittelt. Und sie sehen auch heute nicht anders aus wie 28 Menschen aus dem Zuschauerraum. Nur ein einziger der Angeklagten befindet sich in Haft. Ein anderer, der, eine zehnjährige Spruchkammer-Strafe im Arbeitslager Eichstädt verbüßt, verbringt die Prozeß-Zeit als Urlaub bei seiner Frau. Alle anderen, denen die Beihilfe am Mord von 270 Menschen vorgeworfen wird, leben als freie Bürger unter freien Bürgern. – Bei einem Lokaltermin im Wald der Bittermark gedachte das Gericht an dem dort errichteten Ehrenmal durch eine Minute des Schweigens der erschossenen Opfer, Und 28 Angeklagte entblößten ihr Haupt...

Die drei Hauptangeklagten sind der – verhaftete – Polsterergeselle Heinrich Muth, ferner der – zu Arbeitslager verurteilte – ehemalige Kriminalsekretär Johann Gietler und der frühere Kriminalrat und heutige Bergmann Georg Schmidt.

Spitzel G 64 leugnet alles