IV. Der Versuch, die Kirche zum politischen Instrument zu machen – Ein Franzose sieht die Ostzone

Von Claude Lanzmann

Die merkwürdige Situation, in der sich die protestantische Kirche in der Sowjetzone befindet, wie sie hofiert, aber doch wieder mit tausend Nadelstichen schikaniert wird, schildert der vierte und letzte Artikel des französischen Journalisten Claude Lanzmann, der sich wochenlang illegal in der Ostzone aufhielt. Sein Gewährsmann, der junge Pastor Bayerlein, zeigt sich bei aller inneren Anständigkeit als ein Muster des Zwie-Denkens, das offenbar eine Bedingung des Lebens im Osten überhaupt ist: er bemerkt gar nicht, daß er sich schon halbwegs im Status des Kollaborateurs der Bolschewiken befindet und daß der Unterschied zwischen Waldheim 1951 und Buchenwald 1941 nicht groß ist.

„Lieber Bruder, Herr Lanzmann wird Dich vielleicht besuchen. Sei so freundlich, ihn aufzunehmen und ihm zu sagen, was er wissen möchte. Er ist ein sehr guter Freund von Heinrich. Dein Wilhelm.“

Auf Grund dieses Briefes sitze ich heute abend an der Seite des Pastors Bayerlein von der Deutschen Evangelischen Kirche. Wir befinden uns in einem der am schlimmsten zerstörten Viertel von Dresden, im ersten Stock eines einsamen Hauses. Wir sprechen mit gedämpfter Stimme, bei einer schlechten Beleuchtung, die kaum die Gesichter erkennen läßt, denn der elektrische Strom ist rationiert.

Der Pastor Bayerlein ist jung, energisch und intelligent. Wie alle Diener des Protestantismus ist er von einer großen Zahl von Kindern jeden Alters umgeben: er hat eigene Kinder und Adoptivkinder. Seine Frau nimmt mit der fröhlichen Behendigkeit einer geborenen Mutter an seinen Aufgaben teil. Wenn er auch nicht die Uniform des Glaubens trägt, ist nichtsdestoweniger der Glauben außerordentlich gegenwärtig bei seinen täglichen Aktionen. Mir erscheinen die radikalen Parolen von Marx eine exzellente Einleitung für unser Gespräch. Der Pastor kennt sie gar nicht.

„Luther, so schrieb Marx, hat den Glauben an die Autorität zerstört, weil er die Autorität des Glaubens wiederhergestellt hat ...“