Paris, im Februar

Die wirtschaftliche Entwicklung in Frankreich weist merkwürdig widersprechende Züge auf. Einerseits gibt es keine Arbeitslosigkeit, und die Staatskassen sind flüssig. Das Budget 1951 war mit rund 2800 Mrd. ausgeglichen; das heißt, man hatte die vorgesehenen Ausgaben um mehr als 200 Mrd. überschritten, trotzdem aber blieb es dem Parlament erspart, nachträglich nennenswerte Mittel zu bewilligen: denn auch die Steuereingänge übertrafen die sehr vorsichtigen Vorausschätzungen Petsches erheblich.

Andererseits aber ist die Preisentwicklung in Frankreich verwirrend: seit Herbstbeginn weisen Engros- und Einzelhandelsindex wieder eine allmonatliche Steigerung von 3 v. H. auf, die durch die Entwicklung der Weltmärkte nicht gerechtfertigt wird. Alles in allem sind Preise und Lebenskosten in Frankreich seit Juni 1950 doppelt so stark gestiegen als in den Nachbarländern oder in Amerika. Man spricht von Inflation. Aber die klassischen Ursachen und Charakterzüge einer Inflation fehlen: wie etwa Rückgriff des Staates auf die Notenbank, um ein Budgetdefizit zu decken oder Kassenschwierigkeiten zu überwinden, leichtsinnige Ausweitung des Privatkredits, Run auf die Verbrauchsgüter. Finanzminister René Mayer wußte keine andere Erklärung für dieses Hausse-Phänomen anzugeben als eine besondere psychologische Empfindlichkeit des französischen Volkes nach den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts. Aber das erklärt gar nichts. Die Nachbarvölker haben dieselben Erfahrungen machen müssen, und doch sind bei ihnen die Preise nicht so stark gestiegen wie in Frankreich; Außerdem kann einer psychologischen Disposition, so stark sie sein mag, nur dann nachgegeben werden, wenn die Mittel dazu vorfanden sind. Es muß also ein ständiger, zeitweise latent gebliebener Kaufkraftüberschuß „da“ sein, den eine gesunde Steuerpolitik zu absorbieren hätte.

Wo aber steckt dieser Kaufkraftüberschuß? Will man ihn absorbieren, so muß man es wissen. Mechanische Steuererhöhungen würden abgewälzt werden und das Übel nur verschlimmern.

Das ganze Problem liegt hier. Bisher hat noch niemand eine befriedigende Antwort darauf, zu geben gewußt. Es liegt nahe, die Lohn- und Gehaltserhöhungen dieses Jahres für den Kaufkraftüberschuß verantwortlich zu machen. Dagegen spricht aber, daß gerade die Verbrauchsgüter-Erzeugung über schlechten Geschäftsgang zu klagen hat: Schuhe, Textilien, Möbel. Das Lebensmittelgewerbe bildet die einzige Ausnahme. Nun pflegt aber ein Kaufkraftüberschuß in den Händen der Festbesoldeten sich automatisch in verstärkte Nachfrage nach Konsumgütern umzusetzen, und dies ist eben nicht der Fall.

Der Haushalt für 1952 wird um mehr als 25 v. H. höher sein als der des endenden Jahres; rund 3500 an Stelle von 2800 Mrd. Die endgültige Summe wird von der Festsetzung der Militärausgaben abhängen. Das Landesverteidigungsministerium fordert 1512; die „drei Weisen“ halten 1170 für genügend; der Finanzminister wollte bisher nicht über 1040 hinausgehen, von denen etwa 10 v. H. auf die amerikanische Hilfe entfallen. Technisch stellt der Budgetausgleich auch 1952 keine unlösbaren Aufgaben. Politische Schwierigkeiten können sich zweifellos ergeben. Denn die steuerliche Belastung – 3500 Mrd. bei höchstens 12 500 Mrd. Nationaleinkommen – wird nur noch von der übertroffen, die dem englischen Volke aufgebürdet ist. Das große im nächsten Jahre zu lösende Problem wird aber das der Preisstabilisierung sein’. Jean Janès