Schleswig-Holstein ist nicht nur ein Land der Vieh Wirtschaft und des Ackerbaus. Auch im nördlichsten Bundesland bestehen mächtige Fabrikhallen, in denen Hunderte von Menschen werken.

Bei den Kieler Howaldtswerken arbeiten über 6000 an dem Neubau und der Reparatur von Schiffen. Die Werften Flensburgs, Lübecks und Rendsburgs beschäftigen zusammen etwa die gleiche Zahl. In der MAK, der aus der demontierten Holmag entstandenen Maschinenbau Kiel AG., sind 3000 und bei dem Lübecker Hochofenwerk über 2006 Kräfte tätig. Die Rendsburger Ahlmann-Carlshütte KG., die Tuch- und Lederfabriken in Neumünster, die Zementfabriken bei Itzehoe und die Fischkonservenfabriken in Elmshorn sind über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannt. Aber auch schleswigholsteinische Textilmaschinen, Rundfunkgeräte und Fischkonserven gehen Monat für Monat in großer Zahl in das Ausland. In Kappeln, einer Kleinstadt an der Schlei, kann ein nach den Krieg von einem Flüchtling aufgebautes Bekleidungswerk täglich 1000 Mantel herstellen. Itzehoe ist Sitz der größten Netzfabrik Europas. Die Sport- und Jagdwaffenfabrik Sauer & Sohn hat im Vorjahre ihren Betrieb in Eckernförde aufgenommen. Die Zigarettenindustrie, vor der Währungsreform nur mit einem einzigen Werk, der Firma Derwisch, in Schleswig-Holstein vertreten, schuf neue Fabriken in Kiel. Ahrensburg und Lensahn. Über 300 Mill. Stück verlassen jetzt monatlich die Betriebe des Landes. Nicht übersehen werden dürfen die vielen Textilunternehmungen, die sich in Schleswig-Holstein nach Kriegsende noch erheblich vermehrt haben. Hierzu zählen ebenfalls drei moderne Strumpffabriken: die Feinstrumpfwirkerei Richard Wieschebrink in Wedel, die Weidmüller GmbH, in Kiel und die Strumpf Industrie Reinfeld GmbH, zwischen Lübeck und Oldesloe.

Der Gesamtumsatz der schleswig-holsteinischen Industrie erreichte in den letzten Monaten durchschnittlich 250 Mill. DM. An der Spitze standen mit 35 Mill. DM die Milchverwertung und mit 30 Mill. DM die Tabakverarbeitung. Es folgten mit 17 Mill. der Maschinenbau und mit 16 Mill. der Schiffbau. Schleswig-Holstein stellt fast ein Drittel der Werftkapazität der Bundesrepublik. Die Textilindustrie meldete Monatsumsätze von 14 Mill. DM, die Industrie der Steine und Erden 12 Mill. DM und die Fleischwarenindustrie 10 Mill. DM. – Insgesamt entfallen auf Schleswig-Holstein 2,8 v. H. des Industrie-Umsatzes der Bundesrepublik. Das „Agrarland“ im Norden beschäftigt 2,2 v. H. der Arbeiter und Angestellten der westdeutschen Industrie. S–r.

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Der Flüchtlingsstrom, der Schleswig-Holstein eine durchgreifende Änderung der Bevölkerungsstruktur brachte, zwang die verantwortlichen Männer des Landes und der Gemeinden, recht viele leistungsfähige Betriebe anzusiedeln und so durch Schaffung von Arbeitsplätzen, den Arbeitsmarkt zu entlasten. Vor einer besonders, schwierigen Aufgabe stand Kiel, das dem kriegszerstörten und nachkriegsdemontierten Kieler, Ostufer neues Leben geben mußte. Das ist zu einem erfreulichen Teil gelungen: wo 1945 nur Trümmer waren und noch 1950 britische Sprengkommandos „arbeiteten“, sind jetzt wieder 1400 Arbeitsplätze entstanden. Vorbildliches Beispiel für den Erfolg der Kieler Bemühungen ist u a. die Weidmüller Strumpffabrik GmbH., die mit tatkräftiger Unterstützung der Deutschen Werke auf dem zerschlagenen Gelände einen modernen Fabrikbau errichtete. Kaum sechs Monate lagen zwischen dem Beginn der Verhandlungen und dem Start der Produktion.

Augenblicklich arbeiten in dem Maschinensaal – das Hauptgebäude verfügt immerhin über 5000 qm – 9 Cotton-Maschinen. 15 weitere werden in Kürze aus den USA und aus der Schweiz eintreffen. Von den 120 Beschäftigten (50 v. H. davon sind Heimatvertriebene) stammen viele Fachleute aus Sachsen, die nun in Kiel die weltberühmte Tradition der sächsischen Feinstrumpfwirkerei fortsetzen. Ihnen gilt. die besondere Fürsorge des Unternehmens und der Stadt, mußten für sie doch erst einmal Wohnmöglichkeiten geschaffen werden. Aber auch diese schwierige Frage wurde dank der Unterstützung der Behörden gelöst. Bis Ende 1952 wird sich die Beschäftigtenziffer auf 400 erhöht haben. Und wenn man jetzt, „Tilly“-Strümpfe mit der Gazelle als Warenzeichen in hauchdünner oder strapazierfähiger Perlon-Ausführung in den Fachgeschäften vorfindet, weiß man, daß diese deutschen Qualitätserzeugnisse von sächsischen Experten an der Kieler Förde hergestellt werden. Daß auch das Ausland an Strümpfen aus Kiel interessiert ist, beweisen, die vorliegenden Exporte abschlüsse: 20 v. H. der Produktion werden ins Ausland gehen. ww.