Koldewei hatte vor zwei Minuten sein Zimmer verlassen und schritt in genauer Eile, die ihn seit Jahren die Vorortbahn pünktlich erreichen ließ, zum Bahnhof. Plötzlich stockte er, meinte, das Haus nicht abgeschlossen zu haben. Unsinn, ich vergesse so etwas nicht, sagte er sich, schwankte dennoch, und kehrte hastig zurück, den Schlüssel schon aus der Hose zerrend. „Eins, Herr Koldewei mochte ich Ihnen ans Herz legen, sagte in ihm Frau Leese, „vergessen Sie nie, das Haus abzuschließen. Es gibt so viel Gesindel heute.“ – Das Haus war verschlossen. „Natürlich“, sprach Koldewei in den Morgen, zog die Aktentasche unter die Achsel und lief. Nach noch nicht hundert Metern bekam er Stiche in der Milz und mußte im Schritt gehen. Als er, die Monatskarte gezückt, durch die Sperre kam, fuhr der Zug aus der Halle. Zwanzig Minuten Leerzeit. Er setzte sich auf eine Bank und fühlte sich, erschöpft. Wie konnte ich auf diese Einbildung hereinfallen, dachte er unaufhörlich, wenn nun heute etwas passiert? Die Leute in der nächsten Bahn waren ihm alle fremd. Koldewei kam sich seltsam außer Dienst vor.

Vor dem Eingang zur Sparkasse standen zwei Polizisten. Sie hielten Koldewei an. „Ich bin hier Kassierer“, sagte er, und sein Herz warf eine Blutwelle in seinen Kopf. „So, Sie sind der Kassierer?“ sagte der eine Beamte, als er sich auswies. Koldewei jagte durch den Zementflur, riß die Tür zum Angestelltenraum auf, ging zu seinem Schrank, wollte ihn öffnen, ließ es, trat in den Schalterraum, sah die polierten Eichenbarrieren, die mit künstlichem Marmor plattierten Säulen, die Gesichter der Kollegen – wie immer. Dann rief Fricke: „Mensch, Koldewei, du bist vielleicht ein Glückspilz!“ und Krüger, der ihm in den Weg kam, sagte: „Jetzt brauchen Sie nicht mehr zu, kommen. Zu spät.“ Koldewei entwich in den nächsten Flur und kam erst vorm Zimmer des Abteilungschefs zur Besinnung. Einen Augenblick stand er unschlüssig, dann klopfte er. Nichts. Er klopfte wieder, glaubte, „Herein!“ zu hören oder „Ja?“ und trat ein. Er sah zunächst nur einen fremden Mann, der sich ihm zuwandte und in bestimmtem Ton sagte: „Verlassen Sie bitte das Zimmer!“ „Aber ...“, brachte Koldewei hervor und zögerte. Da hörte er endlich Herrn Bungers Stimme: „Sie sind’s, Koldewei? Lassen Sie nur, Doktor, das ist unser Kassierer.“ Die Stimme klang fremd und fern. Der Arzt trat beiseite. Koldeweis Blick fiel auf eine Schachtel mit einer Spritze, die auf dem Rauchtisch stand, und erreichte dann Herrn Bunger. Er lag fahl und mit geschlossenen Augen in einem der Ledersessel. Über seiner linken Schläfe saß ein großes Pflaster, reichte von der Glatze bis fast zum Ohr. „Hätte eigentlich Ihnen gegolten, Koldewei“, sagte Bunger, als hätte er dessen Blick gesehen. „Schlagring“, fuhr er fort, „wäre Ihnen wohl nicht passiert. „Sie dürfen nicht so viel sprechen“, mahnte der Arzt. „Macht nichts“, sagte Herr Bunger. Auf einmal redete Koldewei: „Herr Bunger, ich habe die Bahn verpaßt. Meine Wirtin ... das Haus ... Ist es denn schlimm, ich meine, haben sie was...?“ „26 300 Mark“, sagte Bunger, „weg. Gut eingefädelt, die Sache. Die Burschen traten völlig sicher auf. Ich ging selber zur Kasse, weil Sie noch nicht da waren. Ihnen wäre es wohl kaum passiert. Ich war nicht drauf gefaßt. Ich bin in diesen Dingen...“

„26 300 Mark“, sagte Koldewei und sah auf Bungers Gesicht mit den geschlossenen Augen. Er kannte es nur in gesunder Röte. „Vor zwei Jahren hatten Sie Ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum, nicht wahr“, stellte Bunger fest, „nie ist etwas passiert, und ausgerechnet heute...“ „Ausgerechnet heute“, wiederholte Koldewei. ,,Herr Bunger muß jetzt Ruhe haben, sagte der Arzt und lenkte ihn aus der Tür.

Eine Stunde später begann die Vernehmung. Die wartenden Kollegen unterhielten sich. Koldewei blieb stumm, bis er gerufen wurde. „Sagen Sie, wie kommt es, daß Sie ausgerechnet heute zur Zeit des Überfalls nicht da waren?“ fragte der Inspektor. Koldewei erklärte. Man glaubte ihm. Er log nicht, das merkte man. Er wurde nicht mehr benötigt. Die Sparkasse blieb auf Anordnung der Polizei an diesem Tage geschlossen.

Koldewei ging in den leeren Schalterraum, trat in seinen Kassenkäfig und sah sich um, ohne etwas wahrzunehmen. Er setzte sich auf seinen Stuhl und fand ein paar eingetrocknete Blutspuren auf der Zahlplatte. Wäre ich hier gewesen, wäre es mein Blut – oder es wäre auch anders gekommen, dachte er, und ein unerklärliches Hochgefühl begann ihn auszufüllen. Er nahm eine Akte zur Hand und blätterte darin, aber was er sah, waren alle möglichen Variationen eines Überfalls auf ihn und deren Abwehr. Ob Bunger Jiu-Jitsu kann? überlegte er, jedenfalls reagiert er ziemlich langsam. 26 300 Mark! Es gibt so viel Gesindel heute. – Schließlich störten ihn zwei Polizisten auf. Er wollte noch einmal den Abteilungschef aufsuchen, aber sie hatten ihn nach Hause gefahren. Da spürte er Hunger und ging in die nahe Fischbratküche, doch es schmeckte ihm nicht. Mir wäre das nicht passiert, wußte er auf einmal ganz sicher, zahlte und ließ ein Trinkgeld zurück, was sonst nicht seine Art war.

Hätte er aussagen müssen, wo er die nächsten Stunden verbrachte, er hätte es nicht vermocht. Er trieb durch die Straßen, saß hier und da auf einer Bank, schlenderte weiter in einer ziellosen Spannung. So geriet er vor ein Kino, an dessen Fassade ein grelles Plakat mit der überlebensgroßen Figur eines Mannes in schwarzer Gesichtsmaske und mit rauchender Pistole angebracht war. Er ging hinein, obgleich die Vorstellung begonnen hatte, nahm den besten Platz. Das Plakat hatte nicht zuviel versprochen: Schießereien, Überfälle am laufenden Band; aber Koldewei durchschaute die Machenschaften und Tricks. Er lächelte. Mir wäre das nicht passiert. Ach, Film! So denkt sich das Klein-Otto. Eingekeilt in das erregte Gedränge nach Schluß, war er völlig unberührt. So was reizt sie nun, dachte er, was mich täglich erwartet. – Nur ausgerechnet heute ... Er verbot sich den Gedanken, hatte das Gefühl, sich etwas leisten zu müssen und wandte sich einem Café in der Hauptstraße zu. Er bestellte Torte und Kaffee. Sein übliches Verhältnis zum Geld war eigentümlich aufgehoben und außer Kraft. Er kannte dies Haus nur, von außen. Nun schaute er mit einer fremden. Sicherheit auf die wenigen Gäste. Zwei Tische weiter saß eine leicht füllige Blondine und sah mehrmals zu ihm herüber – lächelnd, wie ihm schien. In allem etwas zu auffällig, dachte sich Koldewei. Er sagte sich ehrlich, er sei nicht gewohnt, daß Damen ihm zulächelten. Andererseits: warum eigentlich nicht? Aber ausgerechnet heute? überraschte ihn ein Gedanke und ließ ihn seine Aktentasche vom Nebenstuhl auf seine Knie ziehen, obgleich nur eine Blechtrommel mit selbstgemachten Broten darin war. Es gibt so viel Gesindel. Sollte die Auffällige dort zur sogenannten Unterwelt gehören? Es hieß, sie hätten Karteien mit Lichtbildern und den Lebensgewohnheiten aller Kassierer. Dann würde sie ihn kennen. Ich habe schon Halluzinationen, schalt er. sich. Als er wieder zu ihr hinübersah, fand er ihr Lächeln schadenfroh. Unsereinen kennt man, dachte Koldewei und lächelte schlau und grimmig zurück.

Wozu er sich nun entschloß, war nicht von der sorgsamen Begründbarkeit, die ihn sonst auszeichnete. Er brach betont langsam auf und fuhr, nachdem er eine Bahn überschlagen hatte, zum Hafenviertel, stellte mit Befriedigung fest, daß es dunkelte, und suchte die engen Straßen auf, wo sich nach seiner Meinung die Schlupfwinkel der Unterwelt verbargen. Die Tasche lässig an der Hand, wanderte er von Gasse zu Gasse. Die ersten verschwiegenen Leuchtreklamen glühten auf. Aus dunklen Eingängen sahen ihm einzelne schlecht gekleidete Mädchen nach. Sie haben einen guten Nachrichtendienst, dachte Koldewei. Er spürte sein Herz, und seine Beine bekamen eine steife Gespanntheit wie seit Jahren nicht. Er fragte sich, ob er wohl laufen könne, wollte es aber auf keinen Fall. Manchmal schienen Schritte hinter ihm zu sein. Er sah sich nicht um. Sie wagen es nicht, sprach sich Koldewei zu, die Feiglinge. Koldewei ist nicht Bunger. Aber sein Wohlgefühl wurde von allmählich aufkommender Schwäche erschöpft. Er setzte sich auf den Treppenstein vor einem niedrigen Hause und wartete, den Kopf in die Hände gestützt. Als eine Stimme ganz nah an seinem Ohr sagte: „Nun, kommst du mit?“ erschrak er so, daß die Stimme in schepperndes Gelächter umschlug. Er stand auf, zog die Aktentasche fest unter die Achsel und trabte in müder Hast zum Bahnhof. Der Zug kam, als er eben auf dem Bahnsteig, eintraf. Und heute morgen habe ich ihn verpaßt, dachte er flüchtig.