Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im Februar

Das Politbüro der SED hat in einer umfangreichen Auslösung dem Industrieminister der Sowjetzonenregierung. Fritz Selbmann, vorgeworfen, er trage die Schuld an dem wirtschaftlichen und sozialen Fiasko, das das Eisenhüttenkombinat Ost bei Fürstenberg (Oder) gegenwärtig kennzeichnet. Selbmann, der heutige Minister für Hüttenwesen und Erzbergbau, ist ein alter Kommunist. Ihm ist gerade las für die Sowjetzone wichtigste Ressort übertragen: Stahlproduktion und Erzbergbau. Es ist das Engpaßressort der Sowjetzone, das den chronischen Mangel und den ständigen Bedarf nicht nur der Sowjetzone, sondern der dahinter wartenden Sowjetunion durch hektisch gesteigerte Produktion und neu errichtete Produktionsstätten wenigstens zum Teil befriedigen soll.

Die erste neue Anlage der Sowjetzone, das Stahl- und Walzwerk Brandenburg (Havel), dem in der Planung ein großes Produktionsprogramm anbefohlen war, fiel bald, nachdem es fertig stand, auf Monate aus, weil die Hochöfen, mit schlechtem Material und flüchtig aufgebaut, einer nach dem anderen durchbrannten. Mit dem Eisenhüttenkombinat Ost in Fürstenberg (Oder) sollte sich die Planungspolitik des Kommunismus ein besonders – eindrucksvolles Denkmal setzen. Wengleich Material jeglicher Art fehlte, wurde mit zwangsweise in Fürstenberg kasernierten Arbeitern in einigen Monaten ein Teil des Hüttenwerkes, das russisches Erz und oberschlesische Kohle verhütten sollte, dem Plan zuliebe zum Schein aufgebaut. Aber schon die ersten Wochen der beginnenden Produktion zeigten, daß dank dem Antreiber-System beim Aufbau dieser Fabrik Anlagen entstanden waren, die keine brauchbare Produktion ermöglichten.

Da gegenwärtig aber das Prinzip der Selbstkritik gilt, traf die ganze Verantwortung den Genossen Selbmann. Der allmächtige Generalsekretär Ulbricht ist selbst in Fürstenberg gewesen, und nach diesem Besuch hat er, auf sowjetisches Geheiß, den Genossen Selbmann öffentlich zum Arbeiterfeind, zum Nichtskönner, zum Mann „der die Fühlung mit den Massen verloren hat“, zum überheblichen Versager erklärt: „Weil Genosse Selbmann auch in seiner Verwaltung überheblich ist, ernste Hinweise und Mahnungen seiner Mitarbeiter mißachtet, sich nicht kollektiv mit ihnen berät, eine offene Kritik und Selbstkritik verhindert und seit langem keine ernsthafte Kaderpolitik treibt, hat er die ihm von Partei und Regierung übertragenen Aufgaben nur ungenügend erfüllt und erhält daher eine scharfe Rüge.“

Im Eisenhüttenkombinat Ost sieht es inzwischen so aus: Der Hochofen liefert kaum Eisen, weil eine Reihe von Konstruktionsfehlern ihn an einer kontinuierlichen Produktionsleistung hindert, Projektierung und Planung dieses wichtigsten Großbaues des Fünf jahreplans sind völlig unfachmännisch betrieben worden. Von Gewerkschaftsarbeit ist überhaupt nichts zu spüren. Die Baracken für die zwangsrekrutierten Arbeiter haben weder hygienische Einrichtungen noch die notwendigsten Heiz- und Beleuchtungsanlagen. Ein Berufsverkehr zu der weit von der Stadt gelegenen Arbeitsstätte ist nur sehr zufällig und willkürlich organisiert. All dies sagt viel über das völlige Versagen der Planproduktion aus, aber noch mehr darüber, daß nun Sündenböcke aus den eigenen Reihen für das Desaster herhalten müssen, das die Ostzonenbevölkerung ständig um sich her sieht.