Luigi Bartolini: Fahrraddiebe (Deutsch von Hellmut Ludwig, Stahlberg Verlag, Karlsruhe, 227 S.).

Lange nach de Sicas großartigem Film „Fahrraddiebe“ kommt die deutsche Ausgabe des Buches zu uns, das dem bedeutenden italienischen Regisseur die Anregung zu seinem Meisterwerk gab. Indessen – es sind tatsächlich nur die Anregungen, Blitzlichtern gleich, denen de Sica eine straff gespannte Handlung unterlegte und die er damit zu einer menschlich erschütternden Anklage erhob. Ganz anders der Dichter Bartolini, dem es nicht auf die Erschütterung ankommt, der nicht von der Trauer um verlorene Werte erfüllt ist: Am Beispiel seiner Vaterstadt Rom im Jahre 1946 umreißt er das Bild dieser Nachkriegsjahre, wie es, nur um Nuancen gemildert oder verstärkt, auf Berlin und München, Neapel oder Wien zutrifft. Die Zeit, wie sie sich ihm darbot, schildert er nicht ohne Kritik, aber dennoch von dem unabänderlichen Rhythmus gepackt und ohne den Willen, etwas zu ändern, ja sogar ohne den Glauben, daß eine Besserung vorläufig möglich ist.

Der Autor ist es, hier ein Schriftsteller, Maler und alter Antifaschist, dem sein Fahrrad bei einem Einkauf gestohlen wird. Und er selbst unternimmt auf dem zweiten Rad, das er besitzt, seine Streifzüge durch die Armenviertel Roms, in denen der Schwarze Markt die Preise diktiert, Diebe, Hehler, Zuhälter und Dirnen ihrem Tagewerk in aller Öffentlichkeit nachgehen und die Polizei blind ist oder nicht sehen will. Sie alle halten zusammen gegen den Eindringling, den – Bestohlenen, der nichts fordert als sein Eigentum. Er kennt den Namen des Diebes, er erkundet das Versteck des Diebesguts, dennoch gelingt es ihm erst mit Hilfe seines früheren Modells, das Fahrrad wiederzubekommen: er kauft es zum Schwarzmarktpreis zurück.

Der kühle und sichere Ton, die vorurteilslose und direkte Schilderung der Tatsachen und die lebendige, verständnisvolle Gestaltung dieses römischen Journals geben dem Buch einen hohen Rang, wenn auch das Gewicht hier – im Gegensatz zu dem Film – mehr auf der intellektuellen Reportage liegt als – wie später bei de Sica – auf der Einfalt des Menschlichen.

Elisabeth Verden