Frankfurt a. M., im Februar

In der Komödie Der neue Herr die Siegfried Nürnberger (Regie) im Kleinen Haus der Städtischen Bühnen uraufführte, wird eine der Hauptfiguren mit folgenden Worten gekennzeichnet: „Daß in deinem Herzen soviel Widersprüche nebeneinander sind!“ Unter dem Aspekt dieser Binsenweisheit sieht und interpretiert der Autor Karl Peter Heiser die russische Seele. Das Stück spielt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bei Nowgorod. Noch besteht die Leibeigenschaft – und diese Tatsache gibt Heiser reichlich Gelegenheit, mit Hilfe einer dürren, dramaturgisch geradezu kindlichen Handlung Sentenzen über das Thema Herr und Knecht ins Publikum zu streuen, etwa in der Art: „Einen Diener kann man nicht lieben.“ Oder: „Die Menschen sind ja alle so schlecht, aber du bist gut.“ Angesichts dieser entwaffnenden Sinnsprüche kann der Rezensent nur noch gute Miene zum harmlosen Spiel machen und den Dramaturgen fragen: Was bewog Sie dazu, dieses undiskutable Werk Ihrem ohnehin kaum mehr strapazierfähigen Spielplan, der sich durch eine Reihe von dramaturgischen und regielichen Fehlleistungen auszeichnet, einzureihen? Dem deutschen Theater erwiesen Sie mit dieser Uraufführung keinen Dienst, auch wird eine Reihe von guten Schauspielern an untauglichen Objekten verantwortungslos verschlissen.

Im Programmheft ist ein Brief Albert Schweitzers an Wieland Wagner abgedruckt. Darin wird Wieland Wagner aufgefordert, unbeschadet der Kritik „seinen Weg weiterzugehen“. Offensichtlich sehen auch die Städtischen Bühnen darin eine Aufforderung, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Wir warnen. Heinz Friedrich