Die Neuregelung der Schrotterfassung im Bundesgebiet soll bis spätestens Anfang März durchgeführt sein und sieht vor allem verschärfte und erweiterte Strafbestimmungen gegen Firmen vor, die der Melde- und Anbletungspflicht nicht nachkommen. Ferner soll der Schrotthandel die Herkunft der vorhandenen Bestände nachweisen. Das Aufkommen im Bundesgebiet belief sich in 1951 auf 5,55 Mill. t (7,046 Mill. in 1950). In Zukunft darf für Schrott nur noch der inländische Höchstpreis gezahlt werden, gleichgültig, ob es sich um Käufe für den Export oder den inländischen Verbrauch handelt.

Metallsammlungen auf Geheiß des Staateswerden von unserer abgebrühten Generation als Zeichen dafür gewertet, daß man auf der Hut sein müsse... Mit der Schrottaktion hat man allerdings keine schlafenden Hunde geweckt: denn die Spekulation in Sachwerten ist ja auch nach der Geldreform noch nicht eingeschlafen, und sie hat, seit Korea, wieder unerfreuliche Aktualität erlangt. Dabei nimmt das Altmaterial, vor allem der Schrott, eine Sonderstellung unter den „strategischen Rohstoffen“ ein, da seine „Produktion“ in der unübersichtlichen Sammlung oder Bergung besteht, während sein Absatz nach Grundsätzen erfolgt, die vielfach nichts mit wirtschaftspolitischen Notwendigkeiten zu turf haben und nur selten von der Überredungskunst des Staates beeinflußt werden können. So geht die behördliche „Steuerung“ der Schrottwirtschaft auch heute noch an gewissen Tatsachen vorbei, die das Schrottaufkommen bestimmen.

Da ist erst einmal das Erbe aus den Zeiten des alliierten „Beuteschrotts“‚ des Demontage-, Restitutions- und Kriegsmaterialschrotts, in Form von Bestimmungen, die der deutschen Eisenwirtschaft und Verwaltung mindestens 10 Mill. t Schrott entführten und ihr auch das Eigentums- und Verfügungsrecht über einen recht erheblichen Teil von Schrottbeständen absprachen. Unter das (alte) deutsche Kriegsmaterial fallen z. B. gebrauchsfähige Schiffe und Schiffswracks in Häfen und Gewässern mitsamt den von der (alten) Kriegsmarine gecharterten Hilfsfahrzeugen – so den Wracks von Fahrgastschiffen oder Fischerbooten und den versenkten Docks im Hamburger Hafen. Darüber hinaus genügte an Wrackteilen eine einzige etwa holländische Schraube, um das Ganze als „Restitutionsgut“ zu deklarieren.

Während die Kohlenwirtschaft und die Eisenindustrie praktisch der deutschen Wirtschaftshoheit entzogen waren und „zwangsbewirtschaftet“ blieben, galt diese Bewirtschaftung bis unlängst nicht für Schrott, soweit es die Kontrolle der Schrottbergung, der Ablieferung, Zuteilung, des Handels oder des Exports betrifft – außerhalb jener alliierter Kontrollen über „beschlagnahmefähigen“ Schrott. Auf Grund einer Gewerbefreiheit, die von den Besatzungsmächten auch bei sinnwidrigem Mißbrauch dogmatisch verteidigt wird, konnte sich jedermann die Lage zunutze machen: allein 1951 stieg die Zahl der Schrotthandelsfirmen und Althändler um das Dreieinhalbfache des Vorjahres an, die sich alle der noch zugänglichen Materialquellen versicherten. Das Treibenlassen auf einem der empfindlichsten Wirtschaftsgebiete – Schrott spart Kohle, Erzimporte und Löhne – bei plötzlich sprunghaft gestiegenem Inlandsbedarf führte zu jenen unerfreulichen Begleiterscheinungen, die man bei einem demoralisierten Volk von vornherein in Rechnung hätte stellen sollen: so insbesondere zum weiteren Ansteigen der Jugendkriminalität, diesmal durch Diebstahl alles dessen, was aus Metall ist – angefangen von Kunstwerken und Kirchenschmuck bis zu Oberlandkabeln, oder dem Unterwühlen von Hafendämmen aus Trümmerschutt. Innerhalb des ersten Halbjahres 1951 wurden im Bundesgebiet nicht weniger als 200 „Schrottbetriebe“ (überwiegend neu gegründete) wegen Hehlerei stillgelegt, weshalb denn auch der Schrotthandel von sich aus eine Zulassungskontrolle für seine Branche forderte.

Mit der Einführung von Inlands- und Exportpreisen sowie von Exportquoten verlieh man nun dem Geschäft noch einen doppelten Boden, der sich einer geschickten Handhabung anbietet. So erklärt sich das verminderte Schrottaufkommen auch aus der Zurückhaltung von Lieferungen, bis die Inlandsquote erfüllt ist, um dann in die Exportauflagen mit hineingenommen zu werden, wobei „lokale Marktabsprachen“ nicht nur in dieser Hinsicht vorkommen. Es ist klar, daß der höhere Exportpreis den alliierten Dienststellen eine starke Anziehungskraft verleiht, die sich mit der Bergung, dem Einkauf, der Verteilung oder der Verwaltung von Materialien befassen, und daß gewissen deutschen Firmen daran liegt, aus all den Umständen „das beste zu machen“. An den tausendfältigen Wegen zu Wasser und zu Lande blüht nun der „Export-Schmuggel“ mit Altmaterial – nebenbei nicht nur mit Altmaterial. Soweit es sich um Sammel- oder – Bergungsschrott handelt, erfreut sich der Inlands-Stoppreis bei den Aufbringungsbetrieben einhelliger Ablehnung: Zum anhaltenden Nachfragesog treten nun nach Erschöpfung des „Oberflächenschrotts“ stark erhöhte Bergungskosten Bei der Trümmerbergung müssen jetzt je Tonne Schrott etwa 50 t Gestein bewegt werden, während die Bergung von Wracks – auch bei der nur noch wenigen relativ günstigen Orten – zum Inlandspreis von den kommerzieller Bergungsfirmen als undiskutabel bezeichnet wird Künftig ist für ein vermehrtes Schrottaufkommen ein gesteigerter Kapitaleinsatz notwendig, und nachder Zeit der leichten Gewinne ergeht deswegen, wie üblich, der Ruf an den Staat, oder der Appell an die eisenschaffende Industrie, am Ausrüstung eigener Bergungsgesellschaften naddem Motto „Schrott um jeden Preis“.

Aber auch der „ersessene“ Schrott abgeschriebener Maschinen und Werksanlagen, die nun mit 1,– DM zu Buch stehen, hat seine besondere Seite: Die Forderung der Industrie, daß bei einem Verkauf dieser (beleihungsfähigen) Sachwerte der Staatssäckel auf den größten Teil der Erlöse verzichten (und dafür sich anderswo entschädigen) solle, ist nur die halbe Sache, denn wo die Bewirtschaftung regiert, kann man für Geld und gute Worte noch keine knappen Rohstoffe kaufen – aber mit Schrott tauscht man sich heute wieder Maschinen, Eisen und Stahl, Kohle und sonstige Rohstoffe und vielleicht auch künftig wieder Genehmigungen ein. So legt „man“ sich für die schlechten Tage, falls sie einmal kommen sollten, gern einige Stücke wertbeständigen Metalls hin.

Zweifellos ist der Schrottbedarf der Welt heute maßlos übersteigert dadurch, daß die deutsche Kohle- und Eisenproduktion künstlich reduziert worden ist und daß von einer konsequenten, großzügigen „westlichen“ Investitions- und Erschließungstätigkeit im Kohle- und Erzbergbau noch keine Rede sein kann. Die nach dem Kriege betriebene Konzentration der Kohle- und Stahlindustrie auf die USA und die Zurückstellung von Erschließungsprojekten nach „politischen“ Gesichtspunkten und der Sicherheit eines Dollar-Transfers haben zu einer Alarmierung des Welt-Schrotthandels geführt. In Europa und in Deutschland selbst aber würden sich die besten Voraussetzungen dazu bieten, an Stelle von Abfällen die Ursprungserzeugnisse zu finanzieren und zu produzieren. Man würde damit nicht nur der Rüstungskonjunktur, sondern darüber hinaus der Friedenswirtschaft am besten dienen. EOG