Von unserem Korrespondenten B. J. Modi

Neu Delhi im Februar

Die Wahlen in Indien, die vor zwei Monaten begannen und die voraussichtlich Mitte März beendet sein werden, sind inzwischen so weit gediehen, daß man sich bereits ein Bild über das Endresultat machen kann. Die Kongreßpartei wird mit 60–70 v. H. der Sitze wieder die absolute Majorität haben. Die Kommunisten, die sich mit einigen linksextremen Gruppen zusammengeschlossen und mit dem Namen United Front of Leftists getarnt haben, werden mit etwa 20 v. H. die zweitstärkste Partei im Parlament sein. Die Sozialisten dürften kaum mehr als 5 v. H. bekommen. Da in Indien nach dem Majoritätsprinzip gewählt wird, sagt die Anzahl der Sitze über die Stärke des Kommunismus in Indien nicht allzuviel aus. Man wird jedenfalls annehmen können, daß der Anteil der Kommunisten an den abgegebenen Stimmen im Grunde wesentlich höher ist als 20 v. H. Es steht ferner fest, daß, wenn die Sozialisten und die Kommunisten eine Listen Verbindung gehabt hätten, sie in manchen Teilen des Landes die stärkste Partei geworden wären.

Es ist nun keineswegs so, daß diese United Front of Leftists oder wie man richtiger sagen, sollte, die Kommunisten, eine homogene Gruppe sind. Sie erhalten ihren Zuzug vielmehr aus sehr verschiedenen Bereichen. Es sind Intellektuelle, Marxisten, Pan-Asiaten, Fellow-Travellers, ja es gehört auch dazu die ehemals faschistische Gruppe von Subhas Chandras Bose, die sich „Forward Block“ nennt und besonders in Kalkutta verhältnismäßig stark ist. Das, was ihnen allen gemeinsam ist, ist ihre Aversion gegen die sogenannten reaktionären Parteien. Wenn die United Front of Leftists an die Regierung kommen würde, wäre ihre Innenpolitik gewiß identisch mit der aller Kommunisten, während sie sich wahrscheinlich auf dem Gebiet der Außenpolitik von den strengen Pro-Stalinisten unterscheiden würde. Wahrscheinlich würden sie eine sehr ähnliche Politik machen wie die Volksfront in China, und das bedeutet, daß diese Partei sehr viel nichtkommunistischen Zuzug bekäme.

Die genannten mutmaßlichen Endresultate geben nun aber insofern ein falsches Bild, als sie nicht einen Querschnitt der allgemeinen indischen Volksstimmung gleichkommen. Indien zerfällt nämlich in drei vollkommen verschiedene Teile: im Norden, der vorwiegend landwirtschaftlich bestimmt ist, sind etwa 90 v. H. der Bevölkerung Analphabeten. Es ist das Gebiet der reichen Gutsbesitzer und wohlhabenden Bauern, denn dort ist der Boden fruchtbar und gut. Im Norden, wo die Wahlbeteiligung vielfach nur 10 v. H. betragen hat, haben der Kongreß und unabhängige lokale Kandidaten eine klare Majorität erhalten.

Ganz anders der Süden: Dort ist der Boden arm, die Leute drängen vom Land in die Stadt und der Bildungsstand ist außerordentlich hoch. Das Analphabetentum beträgt nur 10–20 v. H. und 80 v. H. aller Schulentlassenen gehen zur Universität. Kein Wunder, daß dort im Süden aus der Paarung von ökonomischem Elend und intellektueller Bildung der Kommunismus mit solcher Vehemenz erwachsen ist. Aus den südlichen Staaten, in denen die Wahlbeteiligung 70–80 v. H. betrug, rekrutiert sich übrigens von jeher der gesamte civil Service Indiens.

Die Mitte, die sogenannten Zentral-Staaten, sind repräsentativ für die Großindustrie und die reichen Geschäftsleute. Hier liegt der Hauptrückhalt der Kongreßpartei, gleichzeitig aber auch das Schwergewicht der Sozialisten, denn hier ist eine starke Industriebevölkerung, die verhältnismäßig hohe Löhne erhält. So kam der überwältigende Sieg des Kongresses über die Sozialisten in Bombay höchst überraschend. Selbst der Generalsekretär der Sozialistischen Partei Indiens, der zugleich Führer verschiedener Gewerkschaften ist, ist dort in seinem eigenen Wahlkreis von einem Kongreßmann geschlagen worden.