Rudolf Brunngraber: Der tönende Erdkreis. Roman der Funktechnik. (Rowohlt Verlag, Hamburg, 576 S., Ln. 17,50 DM.)

Der Österreicher Rudolf Brunngraber, namhaft durch seine Tatsachen-Romane „Radium“, „Zucker aus Cuba“ und „Opiumkrieg“, greift aus der jüngsten Geschichte von Technik und Kultur eins der erregendsten Kapitel heraus: das weltverändernde Duell um Realisierung, Vervollkommnung und Auswertung der drahtlosen Telegraphie, als dessen Exponenten Guglielmo Marconi und der Straßburger Professor Ferdinand Braun 1909 den Nobelpreis für Physik empfingen. Er vergegenwärtigt zwei Jahrzehnte konkurrierenden Experimentierens, komplizierter Patentstreite, verbissener Kapitalkräfte und wahrer Sisyphusmühsal mit den Bürokratien. Das Romanhaft-Interessante kommt dabei vollauf zu seinem Recht. Selbst Margareta Gertruida Zelle (alias Mata Hari), Tänzerin und Spionin von berüchtigter Prominenz, zählt legitim unter die Figuren des Bandes. Daß der Technisierung zum Trotz für den Einzelmenschen von heute die alte Gleichung von Schicksal und Charakter fortbesteht, ist, tief am Grunde, der Kehrreim von Brunngrabers Erzählung. Brunngraber popularisiert nicht. Er filmt. Zwanglos blendet seine Kamera aus dem Dokumentarischen in die „amour passion“ und das Räsonnement der Philosophen über. Das so erzielte Wechselspiel von Reportage und dichterischer Erzählung strahlt elektrische Energie aus. Der Funke aus dieser Leidener Flasche springt auf den Leser über.

-ai-

Ernst Wiechert: Der Exote. Roman (Verlag Kurt Desch, München, 225 S., Leinen 9,40 DM).

Wer hätte Ernst Wiechert diesen heiteren, von Vitalität berstenden Roman zugetraut, den er 1932 geschrieben hat und der erst jetzt aus seinem Nachlaß veröffentlicht wird? Seine Adoranten werden zunächst mit einem gewissen Befremden zu kämpfen haben, und diejenigen, denen die angestrengte Feierlichkeit mancher anderen Werke des ostpreußischen Dichters nicht zusagt, werden sich mit vergnügtem Schmunzeln überraschen lassen.

Der verlorene Sohn der winzigen Stadt „Riechenberg“, der ehemalige „Schüler Wiltangel“ des Gymnasiums, kehrt nach zehn Jahren erfolgreicher Arbeit auf seiner Hazienda am La Plata für kurze Zeit zurück in seinen Heimatort, um die Jugendgeliebte an den Silberstrom zu holen. Er findet die Freundin in einer Vernunftehe, die alten Klassenkameraden in der Konvention erstarrt, die kleinbürgerliche Enge von einst noch drückender und übler. Unter dem wohlanständigen Mäntelchen von guter Sitte kann sich das Böse ungestört entwickeln. Und hier nun deckt der Heimgekommene Schicht um Schicht des betulichen, ehrbaren Betriebes auf – der Kern ist gallebitter: Schiebungen, Brandstiftung, Unterschleife treten offen zutage. Aber wie es dem Mann aus Amerika gelingt, den Tunichtguten auf die Spur zu kommen, wie er nach und nach ein paar alte und neue Freunde in sein Spiel einweiht, wie er in den vertracktesten Situationen noch den Humor behält, selbst dann, als die Spießer den Spieß umkehren, das muß man bei Ernst Wiechert selbst lesen, der alles mit souveräner Kunst eingefangen hat. Nur soviel noch: nicht nur der „Held“ Wiltangel ist liebenswert; mit ihm ersteht ein so plastisches Bild des nach ungeschriebenen Gesetzen sich bewegenden Kleinstadtlebens mit seinen auch sehr fröhlich-herzhaften Bürgern neben den säuerlich-bigotten, daß die kleine Stadt „Riechenberg“ nicht nur, wie bei Wiechert damals, in Ostpreußen, sondern auch heute noch überall in Deutschland zu finden sein wird. -nn.