K. W. Berlin, im Februar

Joachim Tettenborn hat ein Drama von der Angst des Menschen-geschrieben, der im plankontrollierten Staat zu leben hat: „Perspektiven“. Die Vorgänge, die es schildert, sind zum Teil in die Zukunft vorausgedacht. Noch nicht heutig ist beispielsweise seine Gestalt des alten Arbeiters, der zu verbergen strebt, daß er einst Pfarrer gewesen ist. Der Zustand nach der Liquidierung der Kirchen und Religionen ist also vorweggenommen, aber Sprache, Dialog und Dialektik sind durchaus real und gegenwärtig. Der junge Autor kommt aus der Sowjetzone. Er hat nicht mehr Visionen zu bieten, sondern – mag immer der heutige äußere Schein der Kirchen im Osten für das Irreale seiner Schilderung sprechen – die peinliche und peinigende Gegenwart: die Auslieferung des Menschen an die Instrukteure.

Tettenborns Stück bietet den Glauben und das Bekenntnis als Weg an. Der ehemalige Pfarrer, der den Glauben aus Lebensangst verleugnete, gewinnt ihn im Gefängnis wieder, in das ihn die NKWD gesteckt hatte, und die beiden Jungen, der Mann und das Mädchen, die nie von Gott gehört hatten und der Partei aus Furcht immer auch ihre persönlichen Gefühle geopfert hatten, werden am Schluß vom Beispiel des alten Bekenners entzündet. Sie trotzen dem Parteiinstrukteur, aber über der Frage, ob dieser Weg der Weg heraus aus der Angst sei, fällt der Vorhang.

Für die, die das Stück in der mutigen Berliner „Tribüne“ sahen, blieb der tiefe Eindruck einer dramatischen Zeitanalyse, die des Respektes und des langen Nachdenkens wert ist. Die junge Spielgemeinschaft der „Tribüne“ hatte unter Frank Lothars Regie den darstellerischen Glanz völlig der Herstellung einer unheimlichen Atmosphäre untergeordnet. Von besonderer Wirkung waren die an Piscators frühe Versuche erinnernden Filmstreifen aus der peinvollen östlichen Gegenwart, zu denen die unterlegten Brecht-Songs grell disharmonierten. Auch dies eine sinnvolle theatralische Demonstration der radikalen Wandlung des Zeitstücks.