Max Kommerell: Dichterische Welterfahrung, Essays (Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, 229 S. Leinen 12,50 DM).

Vielleicht war, an seinem eigenen Maßstab gemessen, der 1944 als Zweiundvierzigjähriger verstorbene Kommerell kein Dichter; doch war er einer jener selten Gewordenen, denen die Kultur einer durch Liebe fundierten Bildung erlaubte, eigene Erfahrung in die Form von Dichtung zu kleiden: ein Eingeweihter also, der staunenswert über seinen Stoff, die Weltliteratur, zu verfügen wußte. Das gibt seinen Essays den Rang.

„Der eigentliche Vorzug des Dichters ist aber, daß er mit jedem von ihm ausgesprochenen Geschehen im Wesen eins ist, daß es an ihm geschieht, daß er in ihm geschieht.“ So liebt Kommerell es, die Augenblicke aufzusuchen, in denen sich dieser Vorgang am reinsten äußert. Es sind die Schnittpunkte des Menschlichen mit dem Dichterischen, von wo jene Doppelschwingung ausgeht, die zu den Gipfeln aller Dichtung aufschaukelt. Er scheint nicht zuvörderst vom Werk aus zu betrachten. Er zeigt dessen Schöpfer so, daß als Konsequenz sein Werk ertstehen muß. Wo das Geniale in einer geschichtlichen Konstellation Ereignis wird, da setzt er an:

„Grillparzer und die Treue, das gehört so streng zusammen wie Grillparzer und Österreich.“ Von hierher, von den Quellpunkten des Schöpferischen, bemüht er sich, das Geheimnis dichterischen Wesens aufzuspüren und umschreibend offenbar zu machen. „Ein Stück weit ist der Dichter die Zeit; im übrigen gehen sie sich, wenig an.“ Immer sucht er hinter dem Außerordentlichen die menschliche Potenz, die es hervorrief: „Wie war wohl das Herz, das vor tausend Jahren im Land der aufgehenden Sonne diese unersättlich langen Liebesgeschichten niederschrieb?“ fragt er im Hinblick auf die japanische Dichterin Murasaki, deren Epos eine der mitreißendsten Arbeiten dieser Sammlung gewidmet ist;

Ergriffensein ist die Voraussetzung, die Kommerell zu seinen schönsten und reinsten Einsichten befähigt. Und was, wenn es nur bedeutend ist, hätte ihn nicht ergriffen? „Antik und orientalisch sind nur Formeln für Regungen und Ausdehnungen unserer eigenen Seele“, schreibt dieser Wahlverwandte jeder Klassik und heimliche Liebhaber der Romantik als Schlußsatz von „Jean Paul in Weimar“ – welch ein Thema allein schon! Seine Spannweite reicht von China bis Spanien, von der Commedia dell’arte zu Hölderlin, vom Vers zum Roman. Seine unverstellte Empfänglichkeit und sein Durchdringungsvermögen finden ihren Niederschlag in einer Sprache von hoher Durchsichtigkeit, der gleichzeitig eine Grundströmung von starker Kraft innewohnt – wie fängt das immer gleich an! Seine Sprache ist schön. Rino Sanders