Von Josef Marein

Die Komponisten, die sich zu einer "Arbeitswoche" im Jugendhof Barsbüttel bei Hamburg getroffen hatten, sind zu ihren Wohn- und Wirkungsstätten zurückgekehrt: nach Wien, nach Salzburg, München, Detmold, Darmstadt, Freiburg, Köln und Lübeck. Schon ist in Bremen ein neues Komponistentreffen angesagt: andere Namen aus anderen Städten. So erhebt sich unwillkürlich die Frage: Was machen die Komponisten, wenn sie so gern zusammentreffen; diskutieren sie, streiten sie, sind sie freundlich zueinander? Weil in Barsbüttel auch reproduzierende Musiker und Musikstudierende, vor allem aber junge Mitglieder der Musikantengilde beteiligt waren, wurde allabendlich musiziert. Das war ein großer Trost für theoriefeindliche Gäste. Zugegeben: auch ich bin mit Skepsis nach Barsbüttel gefahren, und die ersten Erfahrungen schienen Befürchtungen zu rechtfertigen...

Man muß wissen, daß es – grob gerechnet – zwei Sorten Komponisten gibt. Die einen tragen den Heiligenschein der Intuition, die anderen das Brandmal des Intellektualismus. Den Komponisten der ersten Gruppe – falls sie beispielsweise Symphoniker sind – flüstert der Wald, der Quell, die ganze Natur die Geheimnisse zu, oder, falls sie Kirchenmusiker sind, telephonieren sie mit dem lieben Gott, ehe sie komponieren. Die zweite Gruppe wird heute von einem Teil der Fachwelt und von angeschlossenen intellektuellen, Sekten und Cliquen womöglich noch höher geschätzt als die erste Gruppe vom großen romantischen Publikum. Wenn Musiker nämlich intellektuell sind, dann sind sie es viel mehr als die Künstler anderer Sparten. Da hätte man beispielsweise einmal in Barsbüttel mitstenographieren sollen, was der noch junge Wilhelm Keller, Dozent der Musikakademie Detmold, in einem Vortrag sagte, der folgenden Titel trug: "Kritische Betrachtung des Gültigkeits- und Fruchtbarkeitsbereichs der Zwölf-Ton-Musik." Wilhelm Keller – ohne Zweifel einer der begabtesten unter den jüngeren Musikern – trägt nicht nur einen schwarzen Existentialistenbart; er formuliert auch dementsprechend. Danach war es dann nicht mehr verwunderlich, daß die Barsbütteler Reden von "Strebeklangprinzipien", von "vertikaler Dodekaphonik", von "neuer Vokalität" und von vielen Problemen handelten, zum Beispiel vom "Problem" des "Zusammenklangs in der Zwölf-Ton-Musik". Fürwahr ein Problem; das muß man sagen!

Alles wurde so objektivierend, so antisubjektiv gesagt. Ein moderner Physiker – wäre er zufällig in diesen Kreis geraten – er hätte vermutlich gefolgert, daß der tonalen Musik die klassisch-mechanische Physik entspricht, der Zwölf-Ton-Musik aber die moderne Physik. Oder nehmen wir an, ein existentialistischer Philosoph wäre nach Barsbüttel gekommen, oh, er hätte sich dort zu Hause gefühlt, da ihm sofort klar sein mußte, daß sein phänomenologisches Denken trefflich zu jenen musikalischen, Lehren paßt, die nicht von Gefühlen, nicht von subjektivem, gar privatem Ausdruck sprechen, sondern von den Regeln, Prinzipien, Mitteln, Methoden, nach denen auf dem "Kraftfeld" Musik "Spannungsmomente" sich ergeben, erfüllen, ausgleichen. "Ach, bitte, noch ein Täßchen!" sagte neben mir ein Komponist; ich aber verstand ihn nicht und reichte ihm die Kanne nicht. Da nämlich sogar am Kaffeetisch der abstrakte Ton der "Werkgespräche" vorherrschte, konnte ich mich nicht so schnell zurückfinden in die konkrete Welt, in der ein lockeres Hefegebäck "Hörnchen", Kaffee aber Lorke heißt.

Da fiel mein Blick auf einen Satz im Barsbütteler Programm, das der ebenfalls zerstreute Pianist Otto Franze neben seine Tasse gelegt hatte: "Diese Arbeitswoche gilt dem Versuch, Meinungsverschiedenheiten um den Bereich der tonalen Grundlagen in der gegenwärtigen Musiktheorie zu bereinigen." Und dann hieß es noch: "Diese Woche setzt die Bestrebungen der bisher durchgeführten Arbeit gradlinig fort mit dem Ziel einer im Grundsätzlichen verpflichtenden, aber im Persönlichen befreienden neuen Handwerkslehre der Komposition." Ich stellte mir eine Konferenz zwischen Haydn, Mozart, Beethoven vor. Würden sie "Meinungsverschiedenheiten bereinigen" – wie Politiker? Würden sie eine "Arbeit durchführen? – wie Ingenieure? Und "Bestrebungen gradlinig fortsetzen" – wie die Mitglieder antialkoholischer Vereine? Würde Beethoven nicht wie einst mehr rufen: "Die Musik soll Feuer aus dem Geiste schlagen!" Da fiel mir gottlob dreierlei ein. Erstens: Schlechtes Deutsch kann gute Vorsätze verdecken. Zweitens: Keine Kunst – nicht die Malerei, nicht einmal die Architektur – ist so sehr gestützt auf komplizierte Handwerkslehren wie die Musik. Drittens: Johann Sebastian Bach, der, umgeben vom Glanz der Intuition, aus Gottes Ewigkeit auf uns herniederschaut, hat das "Wohltemperierte Klavier" und die "Kunst der Fuge" auch – und nicht zuletzt – als theoretische Werke geschrieben. Und der Natur- und Gottesmusiker Anton Bruckner ist in Wien ein strenger, ja manchmal unsäglich trockener Theoretiker gewesen.

Kurzum: Über Theorien kann man streiten, nicht über das Genie. "Werkstatt-Gespräche" – und darin könnten sich die so sehr verfeindeten Gruppen "abstrakter" und "gegenständlicher" Maler die Musiker getrost zum Vorbild nehmen – sind geeignet, die Gegensätze auszusöhnen und mit intellektuellen Mitteln den Boden zu bereiten, auf dem persönliche Früchte der Kunst gedeihen, vielleicht Früchte von bleibender Frische. Sieht man es so, dann wird deutlich, daß solche "Arbeitswochen", zumal, wenn sie – wie in Barsbüttel – die musizierfreudige Jugend miteinschließen, zum Segen gedeihen können. Um mit den leider so geschwollenen Worten des Programms zu reden: "Zum Segen der Kunst und der Menschen, die heute – suchend und tastend zwar noch – aus Irrtum, Unordnung und Unmenschlichkeit herausdrängen." Einer der radikalsten Neutöner, der Wiener Hanns Jelinek, hat dann zum Schluß der "Arbeitswoche", nämlich bei einem Konzert im Hause des Nordwestdeutschen Rundfunks in folgendem, beherzigenswerten Satze die Erfahrungen von Barsbüttel zusammengefaßt, und diese klaren Worte sind wert, daß man sich in jeglicher Kunstdiskussion an sie erinnere: "Für den Wert des Kunstwerkes ist nicht entscheidend, welches System angewandt wurde, sondern wie groß die künstlerischen und menschlichen Qualitäten dessen sind, der sie schuf."

In jenem Konzert spielte Cesar Bresgen, der Salzburger, eigene kraftvolle Klaviervariationen; von Hermann Heiss, dem Darmstädter, trug Lola Benda mit musikantischem Schwung seine "Komposition für Violine und Streichorchester" vor; von Wilhelm Keller brachte der "Norddeutsche Singkreis" drei eigenartige, starke Chöre nach Bibeltexten; von Fritz Büchtger, dem Münchener, hörte man, temperamentvoll gespielt vom Hamann-Quartett, ein Stück komplizierter Kammermusik; Jens Rohwer, der Lübecker, ließ einen prachtvoll gesetzten Chor nach dem Volkslied "Der Mond ist aufgegangen" hören. Aber der interessanteste war eben jener Hanns Jelinek (geb. 1901), ein Anhänger des Schönbergschen Zwölf-Töne-Prinzips, dem das intellektuelle Theoretiker-Grübeln und die Treue zu einem spröden, doch anregenden System nicht den Weg zum echten Ausdruck verstellt, sondern eine neue Freineit persönlicher Aussprache gegeben hatte. Otto Franze, der Hamburger Pianist, dessen hohe Kunst leider nie genug gewürdigt wird, spielte vier Stücke aus Jelineks Tokkaten-Werk, eine haarsträubend schwierige Musik, doch kraftvoll und kräftigend, geeignet, "Feuer aus dem Geist zu schlagen". Womit die Frage nach dem Wert eines modernen Musikstücks durch Jelinek nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch am besten beantwortet war...