Die erfreulich ansteigende Zahl ausländischer Messebesucher in Westdeutschland täuscht gelegentlich darüber, wer „von draußen“ noch alles fehlt. Und das sind aus dem nah-, mittel- und fernöstlichen Raum aus verschiedenen Gründen keineswegs wenige. Gewiß ist es fast eine billige Wahrheit, daß die deutsche Lieferkraft gegenüber den Importwünschen dieser Länder sehr ausbaufähig und zugleich unsere Aufnahmefähigkeit für deren Produkte recht groß ist: 1951 importierten wir an Nahrungsmitteln 10 v. H. und von allen gewerblichen Rohstoffen sogar 23 v. H. aus Asien. Leider aber stimmt es nicht, wenn in der internationalen Presse behauptet und bei uns gar geglaubt wird, der erfreulich ansteigende deutsche Export in Richtung Orient sei „ungebührlich“ oder gar beherrschend geworden.

Nur unser traditionelles Partnerverhältnis zur Türkei hat sich bisher wiederherstellen lassen, aber von rechter Marktpflege im übrigen Osten kann keine Rede sein. Und doch liegen hier sehr entwicklungsfähige Gebiete mit steigenden Bedürfnissen, auf deren Märkten wir noch nie stark waren – von speziellen, gelegentlich Teil-Monopole schaffenden Markenartikeln abgesehen – und erst in fairer Konkurrenz gebotene Möglichkeiten erkunden und nützen müssen. Die meisten der fraglichen Länder gehörten bis vor kurzem zum unbestrittenen wirtschaftlichen Einflußbereich europäischer Großmächte und suchen heute souverän ihnen zusagende Handelspartner. Daß aber die Vergangenheit stark nachwirkt, ist evident: in der sprachlichen Schulung, in der Verwaltungspraxis, in Normen und Massen und nicht zuletzt in fremdsprachlichen Presseerzeugnissen. Deutscher Einfluß wirkt da fast nirgends.

Kurz, wenn sich bei uns nach den historischen Voraussetzungen und fast im Widerspruch zur geographischen Lage der Typ des „Orientkaufmannes“ nur auf bestimmte Fernostgebiete begrenzt findet, so ist draußen aus demselben Grunde der „Deutschlandkaufmann“ entsprechend selten. Der Brückenschlag fällt schwer. Mancher der zitierten Messebesucher, zumal wenn er nur Englisch oder Französisch beherrscht, kam zu uns sozusagen nur auf der Durchreise, gelegentlich mit geäußertem Erstaunen, was alles – entgegen seiner bisherigen Auffassung – Deutschland liefern kann. Er kannte unsere Leistungsfähigkeit nicht oder hatte sie vergessen. Oder er stand unter dem draußen gar nicht so seltenen Eindruck, es sei sozusagen ein Wunder sondergleichen, daß wir im Trümmerschutt einzelne ihm geläufige Markenartikel und sogar in alter Qualität herzustellen vermögen. „Gibt es in Deutschland eigentlich schon wieder...?“ ist draußen die sich ständig wiederholende Frage vieler Deutschlandkenner, die nach 1945 noch nicht wieder. bei uns waren. Der deutsche Besucher wundert sich dann oft, um welche uns längst wieder geläufigen Artikel es sich handelt.

Als Hypothek für unsere Exportbemühungen kommt hinzu, daß die konsularischen Vertretungen noch so spärlich vorhanden sind, daß es fast unmöglich erscheint, die erwünschte Kenntnis über unseren Erholungsgrad und unsere Lieferfähigkeit schnell und umfassend, entsprechend der Dringlichkeit unserer Exportwünsche, zu verbreiten. Es klingt wirklich nicht gut: „Ich wollte zur letzten Messe kommen, aber ich habe nicht erfahren, wie ich ein deutsches Visum erhalte. Solches hören deutsche Besucher bereits am Ostrande des Mittelmeeres...

Angesichts der verstärkten Exportbemühungen aller unserer Konkurrenten auf den überseeischen Märkten wird es nun darauf ankommen, daß wir in unserer privaten Initiative nicht erlahmen oder gar auf den Staat warten, um unsere Exportnot zu mindern. Wir werden dabei nicht umhin können, auch außerhalb der Bahnen des Gewohnten zu wandeln und „den Berg zu Mohammed zu bringen“. Unter diesem Gesichtswinkel sollte auch die „Deutsche Überseeschau 1952“ gesehen werden (vgl. „Die Zeit“, 29. November 1951), die keineswegs den Ehrgeiz verfolgt, ein weiteres Beispiel der unseligen „schvimmenden Messen“ abzugeben, sondern einen neuartigen Typ der Wanderausstellung in Zelthallen und an Land darstellt. Allerdings missen nach Lage der Dinge Güter und Hallen mit eigenem Schiff transportiertwerden, dem in den zu bedienenden Ländern sitzen die Importeure in den Hafenstädten (Beispiel Türkei mit Istanbul als Handelsplatz gegen Ankara, als Verwaltungssitz, oder Indien mit Bombay, Madras, Kalkutta gegen Neu-Delhi).

Eine solche transportable Messe, natürlich nur einen bedingten Querschnitt deutschen Schafens vermittelnd, kann, wenn sie mit wünschenswerter Schnelligkeit und nach sorgfältiger in- und ausländischer Vorbereitung den Importeur draußen anspricht, das latente Interesse der Öffentlichkeit an deutschen Wären sozusagen virulent machen und damit den Importeur unterstützen. Sie sollte daher in ihrer privat- wie volkswirtschaftlichen Bedeutung nicht verkannt werden. Daß sie die Förderung des BWM, der zuständigen Spitzenverbände, des Messeausschusses genießt, ist nicht so erstaunlich, wie es zunächst da und dort den Anschein haben mochte, zumal die transportable Messe gewiß kein Gegensatz zu unseren „stationären“ Messen ist. Schon steht fest, daß die Probevorführung der „Überseeschau“ kurz vor Ausreise im Juli in Köln auf dem Messegelände stattfinden wird, daß aber unsere repräsentativsten Messen sich der Schau selbst in ihren ausländischen Möglichkeiten bedienen werden. Die Anerkennung des ergänzenden Charakters – gewissermaßen als „Zubringer“ zu den Stationiren Messen – schließt ein, daß die Praxis der Wirtschaft erkennt, welche Bedeutung dem gemeinsamen Auftreten zukommt. Reinhard Hüber