Eine Karnevalselegie

Von Albert Schulze Vellinghausen

Entsetzlich – nun sind meine ganzen Möglichkeiten über den Haufen geworfen. Es gibt da ein Fest namens „dernier cri“‚ gehört zu den paar für das ganze Westdeutschland maßgeblichen Karnevalsbällen, wird von einem öffentlich-rechtlichen Institut veranstaltet (oder wäre etwa ein „Institut für Modeschaffen“ doch keine öffentliche Person?) und pflegt die Nase immer schon ein Jahr voraus sich vom Wind einer, im übrigen dunklen und unerforschlichen Zukunft umwehen zu lassen. In dem Bericht über dieses tonangebende Frohsinnsunternehmen aber war gestern wörtlich zu lesen: „Der letzte Schrei ist bei den Damen das lange netzbestrumpfte Bern,“ Nun, dies Bulletin hat mitnichten etwas. Furchterregendes – „Damenbein überlang“ hat sich seit Pontormo und Giambologna, seit Diana von Poitiers und Marlene von Schanghai, immer wieder als höchst schätzenswert bewiesen. Aber jetzt kommt die Hiobspost: „Bei den Herren gilt hinfüro ausschließlich der originelle skurrile Einfall! Man geht nicht mehr ‚als‘... Man hat in dieser Nacht keinen Cowboy, keinen Indianer, keinen Türken gesehen! Wohl aber glänzend komponierte Bastarde aus allen dreien.“

Das genüge hier. Es ist mein Verdikt. Seit mehr als dreißig Jahren trug ich mich zwei, drei, auch sieben bis acht Male im Jahr als sehr billiger und sehr praktischer Türke. Ein bißchen blaue Kunstseide und krapprote Charmeuse, dazu ein Turban in Zitronengelb – und mein Glück war gemacht. Gewiß waren alle paar Jahre einige Piaster für Reinigung fällig. „Schonen Sie bitte die Faser“ – mit diesem bescheidentlichen Refrain gab ich meine Vermummung in einem schmalen Lädchen ab, über dessen Portal nichts anderes als der lapidare Hinweis „Hier Annahme“ steht – nicht „Hier Hypothese“ für Philosophen; sondern kurzab „Annahme“, also für Deutsche. Und vom gleichen Orte holte ich dann den Türken zurück, der bisher seinen Läuterungsweg immer wieder glänzend überstanden hat.

Das soll nun aus sein. Damals, als ich ihn erwarb, drohte allein Kemal Pascha ihn zu entthronen. Sein Anschlag schlug fehl. Im Gegenteil, mein Türke, politisch entmachtet und im Heimatland außer Kurs gesetzt, umstrahlte nun mich mit dem „historisch“ verklärten Glanz der Fabel. Jeglicher wirklichen Aktualität enthoben, verlieh er mir die legendäre Weisheit Solimans, die mozartische Pfiffigkeit Ostroms und, nicht zuletzt, die ränkereiche Verschlagenheit Abdul Hamids. Ach – wie habe ich davon profitieren können! Gewiß, der Turban brachte seine Last mit sich. Man mußte, jeglichen Zylinders soziologisch entwöhnt, jeweils aufrechte Haltung neu üben, und diese Aufrechtigkeit dann auch in den zärtlichsten Situationen charaktervoll beibehalten. Oder ihn absetzen. Der Rest, inklusive der Pumphosen mit dem angeschneiderten Tiefchassis der rätselhaft ausgelagerten Sitzfläche, die ja erst im Souterrain männlicher Proportionierung ansetzt – der Rest erwies sich als im dienlichsten Sinne kautsch- und knautschfähig.

Ich will davon schweigen, Wie harmonisch mein Türke sich den Rokoko-Uniformen der rheinischen Stadtregimenter einzupassen pflegte. Ob ich mich nun dem Offizierkorps der „Funke Rut-Wiess“ anzubieten wagte oder mich gar an die achtbare Marketenderin der Ehrengarde Seiner Tollität heranzumachen erkühnte – es gab keinerlei Dissonanz. Wie die Heiduken zu den Deutschmeistern, so ordnete sich der Türke den Truppen zu, die auf einige Tage die Verteidigung einer ins Närrische sublimierten Urbanität mit einem siegestrunkenen Vorstoß auf die Gefilde der Fremdenverkehrswerbung zu verbinden wissen.

Wie oft verfiel ich nach dem achten Glase der Täuschung, ich trüge die Blas- und Schlagelemente einer kompletten Kapelle wagemutiger Janitscharen zumindest „idealiter“ in mir! Wie oft vermeinte ich, wenn ich am andern Nachmittag mit Bürste und „Fleckweg“ die Brandmale von Nußbraunschminke und Abendpuder auszumerzen versuchte, ich beseitige da ruchlos, in echt teutonischem Persilwahn, die eigentlich auf Ewigkeitsdauer angelegten Zärtlichkeitsteste wirklicher Odalisken; Odalisken ganz aus der gleichen, märchenhaften Substanz, deren Abglanz ich sonst nur in Museen, vor Delacroix, Ingres und einem Wiener Makartjünger, des schönen Namens Schmurkow, zu bewundern pflegte (hoppla, beinahe hätt’ ich Matisse-den-Maler vergessen!). Daß diese Odalisken in Wahrheit Ingemaus oder Karin geheißen hatten, daß ihre Ohrreifen weder aus Jaspis noch Jade waren, daß zwischen ihnen und den Tscherkessinnen des Serail mehr als ein Dutzend existentieller Abgründe klafften – das hatte mich nie gestört. Ich war ja mein, mir den Ton und die Geographie bestimmender Großtürke; ich verwandelte mir, mit der Kennerschaft der „672. Nacht“, jede Bank einer von noch so rheinischem „Ajujah“ durchtobten Altstadtkneipe unerbittlich zu einem zumindest „west-kölnischen Diwan“, und alle Folklore, sei sie nun augenfällig oder nur akustisch, vermochte mich aus der Autonomie dieses selbsterrichteten, daher unangreifbaren Orients nicht „durchgreifend“ zu verdrängen ...

Nun aber hat man mir meinen Großtürken verunmöglicht; die naive, wenn auch tödliche, die harmlose, wenn auch enthüllende De-maskierung in der Maske eines nicht weiter exemplarischen, eher zurückhaltenden, aber bequemen, ja, geradezu gemütlichen Allerweltstürken – sie ist mir nicht mehr erlaubt. Ich muß mich für diese Woche um phantasievolle Bastardierung bekümmern, Mischformen ersinnen in den kaum erreichbaren Gefilden von Breughel, von Hieronymus Bosch, von Goya oder Domenico Tiepolo, ach, oder gar von Max Ernst und Joan Mirò... Bis zu den Ein-, Zwei- oder Dreiäuglein von Picasso werde ich’s ganz gewiß nimmer bringen! So wird es besser sein, ich bleibe als ehrlicher Schuhmacher bei meinem mir vorbestimmten Leisten und halte mich an die Tips des schaffenden Modeinstituts. Ich darf ja trotz allem ein bißchen Türkisches einfließen lassen – kann also immerhin noch zwischen Sioux mit Pumphosen oder Cowboy mit Turban wählen. Sehr viel mehr wird mir an Variationen nicht einfallen. Denn mein Karnevalsherz liegt, für die begrenzte Spanne meines Lebens, dennoch am Bosporus vor Anker; am lächelnden Gestade des Marmarameeres, nur eben zehn Schritt von der Pappzypresse, von der man den schönen Blick auf die Minarette meiner kindischen Illusionen hat.