Hannover, im Februar

Nach einer langen Zeit vorsichtiger Zurückhaltung wagte sich die Hannoversche Bühne jetzt an ein um so vorbehaltreicheres Experiment: sie brachte Hans Werner Henzes Oper „Boulevard-Solitüde“ als Uraufführung heraus. Es geht in diesem Stück um die berühmte Marion Lescaut.

Von den Vorbildern Massenet und Puccini weichen die Autoren dieser Neufassung des Stoffes insofern ab, als das Schwergewicht der Handlung in Anlehnung an Prevost auf des Grieux (hier Armand genannt) ruht. Ihm, dem unter Manons Triebhaftigkeit leidenden Mann, gilt des Komponisten -Interesse. Zudem präsentiert sich das Geschehen im modischen Gewinde unserer Tage, was nicht hindert, daß es, tieferer Bedeutung halber, mit dem antiken Orpheus-Mythus durchtränkt wird. Der von Grete Weil-Jockisch stammende Text freilich bewegt sich in den Niederungen peinlichster Trivialitäten, die abschließend zu der (aus der Handlung kaum ersichtlichen) Erkenntnis führen, daß die ganze Welt nur aus Mauern zusammengefügt sei, zwischen denen die Menschen sich mit einsamen und irren Schreien suchen.

So wenig Henzes Verarbeitung eines solchen Librettos zu verstehen ist, so erkennbar bleibt sein erfolgreiches Bemühen, sich über die sprachlichen Gemeinplätze zu erheben. Die hierfür aufgewandten Mittel liegen hauptsächlich im Formalen. Henzes Ausdruckswille wird bestimmt von seiner Liebe zum klassischen Ballett, in dem er „unzerstörbare Ursymbole des abendländischen Seinsgefühls“ erblickt. Durch Einbeziehung des Tänzerischen sucht er der vordergründigen Handlung einen sichtbaren Sinngrund zu geben. Die alterprobte Verbindung von Musik, Wort und Tanz bekommt auf diese Weise eine eigene Nuance. Sie wirkt nicht mehr nur als körperlicher Ausdruck einer symbolischen Dichtung, sondern gerade umgekehrt als symbolische Ausdeutung eines kolportagehaften Textes. Der fast einseitig intellektuell begabte „Neutöner“ wird hier also beinahe zum Romantiker. Einen Zug. zum Irrationalen verrät auch die Behandlung der vom Wortakzent vielfach befreiten Singstimme, die freilich nicht eben als „gesanglich“ bezeichnet werden kann, sowie die stimmungmalende Funktion eines unsichtbaren Chores. Dabei gelingt dem Komponisten eine durchgehende Spannung trotz des im ganzen sparsamen Orchestersatzes, der sich an keiner Stelle zu musikalischer Eigenwertigkeit erhebt. Diese Unterordnung des Musikalischen dokumentiert sich kraß (und negativ) in den Zwischenspielen, deren eines sogar allgemeine Heiterkeit auslöste.

Mag Henze, dem von gewisser Seite allzu laut Propagierten, allein schon auf Grund seiner Jugend auch das noch fehlen, worauf es schließlich ankommt – nämlich die Substanz –, so hat er doch hier sein beachtliches Talent aufs neue und vielleicht bisher am nachdrücklichsten bewiesen. Ob allerdings die Dekadenz, zu der er sich im Programmheft ausdrücklich bekennt – ein Mann, ein Wort! – auf die Dauer eine sich selbst rechtfertigende Aufgabe der Kunst ist, mag füglich bezweifelt werden. Für dieses Mal jedenfalls war der Abenderfolg zweifellos in erster Linie ein Verdienst der wirklich hervorragenden Aufführung.

Die letzthin durch recht ungleiche Leistungen gegenüber dem Schauspiel in den Hintergrund getretene Hannoversche Oper vollbrachte hier eine Leistung von außergewöhnlichem Format. Johannes Schüler am Pult, der Regisseur Walter Jockisch, der Choreograph Otto Krüger und die Träger der Hauptrollen, insbesondere aber der Schöpfer der in ihrer eindringlichen Abstraktheit symbolkräftigen Bilder Jean-Pierre Ponnelle (als Gast aus Paris) wurden mit Fug und Recht lebhaft gefeiert. Heinz Degen