Von Kurt Zentner

Die Macht Stalins über den gehorsamen Apparat der Sowjetunion und ihrer Satelliten, die Zahl seiner Panzer- und Infanteriedivisionen, das gewaltige Wirtschaftspotential des halben eurasischen Kontinents – das sind die Elemente der Angst und des Schreckens, unter denen Europa in den letzten Jahren manchmal zusammenzubrechen schien. Nicht nur die Deutschen, die sehr viel davon, verstärkt durch die Brutalität sowjetischer Invasionsarmeen, am eigenen Leibe erfahren haben, nein, auch die Völker am Westrand des Kontinents, die die sowjetische Wirklichkeit nur vom Hörensagen kennen und die 1945 den sowjetischen Siegen noch zujubelten, schienen jahrelang wie gelähmt durch die Frage: Wann kommen die Russen. Und erst die amerikanische Aufrüstung, die mit dem Beginn des Korea-Krieges einsetzte, begann mit der Zeit ein psychologisches Gegengewicht gegen die bisher anscheinend unbegrenzte Macht des Politbüros zu bilden, das Schicksal Europas jeden Tag in Moskau zu entscheiden.

Seit dieses Gegengewicht sich aufbaut, seit die Menschen aus der Lähmung ihrer Angst erwachen, taucht eine neue Frage auf, die lange nicht mehr gehört worden, ja, die lange sinnlos war: Wer ist stärker? Die Sowjetunion mit ihren Satelliten oder Westeuropa mit den USA? An dieser Frage hängt der Friede der Welt. Denn würde der Osten stärker sein, dann wäre auf die Dauer auf einen Frieden nicht zu hoffen. Zu klar ist das Programm der leninistischen Weltherrschaft, zu groß der seit 1939 immer wieder gezeigte Machttrieb des Kreml. Ist aber der Westen stärker, dann findet der dritte Weltkrieg nicht mehr statt.

Wer nun ist stärker? Für die Beantwortung dieser Frage gibt es viele Argumente. Manche davon sprechen für den Osten. Daß die Sowjetunion nach dem Kriege niemals ernstlich abgerüstet hat, ist eines. Daß der Eiserne Vorhang vieles, wenn auch nicht alles, vor den Augen der Welt verbirgt, ein zweites. Daß der Sowjetblock, rechnet man China hinzu, ein unvergleichlich größeres Menschenpotential besitzt als der Westen, ein drittes. Daß die Befehlsgewalt der Sowjetregierung über all die Völker jenseits von Elbe und Leitha unbeschränkt und ungehemmt ist, ein viertes. Daß der rassische Soldat gehorsam, tapfer und unglaublich genügsam ist, ein fünftes. Es gibt aber auch Argumente für die Überlegenheit des Westens. Das wichtigste ist die unvergleichlich größere Kapazität und Leistungsfähigkeit seiner Wirtschaft. Moderne Kriege sind Wirtschaftskriege. Waffen sind aus Stahl, sie werden mit Kohle produziert und mit Öl in Betrieb gesetzt. Der Westen aber erzeugt im Jahr 159 Millionen Tonnen Stahl, der Osten nur 41, der Westen erzeugt 490 Millionen Tonnen Öl, der Osten nur 48, der Westen erzeugt 1110 Millionen Tonnen Kohle, der Osten nur 370. Eine stärkere Zahl: die Personaleinkommen des Westens – eine Größe, die in direkter Relation zur Gesamtproduktion steht – betragen (1950) 360 Milliarden Dollar, die des Ostens nur 84. Das heißt auch, daß der Westen viermal soviel produziert wie der Osten. Das heißt auch, daß die Verlagerung eines Viertels der Produktion des Westens auf Rüstung schon rein arithmetisch jeden Versuch des Kreml unmöglich machen würde, ein Wettrüsten auszuhalten, zumal da selbst in kommunistischen Staaten der Mensch irgend etwas verbrauchen muß, wenn er auch nur vegetieren will. Noch mehr: der Westen als Ganzes hat alle Rohstoffe zur Rüstung, dem Osten fehlen wenige, aber es fehlen ihm welche, die – nach Ausschaltung des illegalen Osthandels – sich als entscheidungsschwer erweisen könnten. Und der Westen hat eine weitaus größere Zahl von Ingenieuren, Technikern, geschulten und geschickten Industriearbeitern, die das auch viel größere Menschenpotential des Ostens in Jahrzehnten, vielleicht in Jahrhunderten noch nicht wird hervorbringen können.

Es gibt aber ein stärkeres Argument gegen den Osten. Ist die Sowjetunion nicht schon einmal zum Kampf angetreten? Hat nicht Molotow im November 1940 in Berlin bis zum Biegen und Brechen Forderungen erhoben, Forderungen auf Rumänien, Bulgarien, auf die türkischen Meerengen, ja auf den russischen Einfluß am Kattegat? Stand nicht ein halbes Jahr später ganz Osteuropa in Flammen? Hat nicht Hitler daraufhin jenen furchtbaren Ostkrieg angefangen, in dem die Sowjetunion die Chance besaß, daß ihr Gegner an zwei, ja, denkt man an Nordafrika, an drei Fronten Krieg führen mußte? Hatte sie nicht auch damals das überlegene Menschenpotential, die Weite des Raumes, die Bedürfnislosigkeit ihrer Bevölkerung und Soldaten? War es nicht Deutschland, das damals, wohl im Besitz des stärkeren Industriepotentials, an der durch die Blockade der Angelsachsen bewirkten Rohstoffkalamität litt? Und war es nicht die Sowjetunion, die innerhalb von drei Jahren von den USA Kriegsmaterial im Werte von weit mehr als zehn Milliarden Dollar – Dollar des damaligen Wertes! – erhielt, um ihren Krieg zu führen? Hat sich die Sowjetunion damals bewährt? Sie hat den Krieg gewonnen. Es bleibt die Frage, ob es die Kraft der Sowjetunion war, die das zuwege brachte, oder ob es die Fehler ihres Gegners waren. Zur Beantwortung dieser Frage setzt Dr. Kurt Zentner an die Spitze seines Tatsachenberichts „Nur einmal konnte Stalin siegen“ (Lehren und Bilder aus dem Rußland-Feldzug 1941 bis 1945. Gruner-Verlag GmbH., Hamburg) die Sätze:

„Nie wieder werden feindliche Heerführer die Fehler Karls XII., Napoleons und Hitlers wiederholen.

Nie wieder wird die Rote Armee einen Einfrontenkrieg führen, während ihr Gegner an mehreren Fronten gebunden ist.