BP., Stockholm, Mitte Februar

Immer stärker spürt die schwedische Fertigwarenindustrie auf dem Weltmarkt die wachsende Konkurrenz. Schwedens Inlandmarkt wird davon gleichfalls berührt. Strumpffabriken schließen, weil der schwedische Großhandel in englischen Nylonstrümpfen ertrinkt. Ein Millionenauftrag für Turbinen für ein Kraftwerk in Norrland ging an eine italienische Firma. Eine Büromaschinenfirma entläßt Angestellte, weil deut- sche Konkurrenz die Ausfuhr stark vermindert. Die vielen neuen Industrien, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit entstanden sind, um den damaligen Warenmangel zu decken, sehen sich jetzt bedroht, da die Massenfabrikation der großen Industrieländer sie mit Leichtigkeit unterbieten kann. Neuerdings häufen sich Berichte über Schwierigkeiten, die für diese „neuen“ schwedischen Hersteller vor allem durch die Wiederkehr Deutschlands auf dem Weltmarkt entstanden sind. „Die Deutschen kommen“ liest man in Artikeln über die deutsche Entschlossenheit, sich den „Platz an der Sonne“ auf dem Weltmarkt zurückzuerobern. Die schwedische Textilindustrie ruft nach Schutzzöllen, die Lederwarenindustrie ebenso. Und der Maschinen- und Apparatebau berichtet von wachsenden Absatzschwierigkeiten im Ausland, wo man immer mehr auf die westdeutsche, italienische und japanische Konkurrenz stößt. Natürlich fragt man sich, worauf die deutschen Erfolge beruhen. Die sozialdemokratische Stockholmer Abendzeitung „Aftontidnirigen“ brachte einen Leitartikel über „Die tüchtigen Deutschen“. Darin kam das schwedische Arbeiterblatt zu dem Schluß, daß die längere Arbeitszeit und die deutschen Löhne Ursachen für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit sind. Auch die konservative Zeitung „Svenska Dagbladet“ ist der Ansicht, daß es der schwedischen Industrie keineswegs leicht fallen wird, mit Arbeitsleistungen und Löhnen wie in Westdeutschland zu konkurrieren. Denn in Schweden ist man gerade wieder dabei, die Löhne um durchschnittlich 10 v. H. zu erhöhen und außerdem tritt in diesem Jahr der gesetzliche Urlaub von drei – statt wie bisher zwei – Wochen in Kraft. Auch möchte der schwedische Arbeiter lieber mehr Freizeit haben, auch wenn er dann weniger verdient. Die liberale Abendzeitung „Expressen“ erklärt, daß die westdeutschen Löhne nur 60 v. H. der schwedischen Löhne betragen.

„Wir alle wissen, wie tüchtig und fleißig die Deutschen sind“ heißt es in dem Artikel in „Aftontidningen“, „Land und Reich mögen zustürzen und die Diktatur ihr Haupt erheben der Deutsche arbeitet im Schweiße seines Angesichtes weiter. Der einzige Fehler bei dem deutschen Fleiß“, fährt die Zeitung fort, „ist, daß die Deutschen allzuoft den Eindruck machen, als arbeiteten sie um der Arbeit willen. Hinter dieser Einstellung liegt ein angespannter Fanatismus verborgen ...“ Die sozialistische schwedische Zeitung spricht dann von der kühlen Einstellung der deutschen Unternehmer gegenüber sozialen Fragen und der „rücksichtslosen Ausbeutung der deutschen Arbeitskräfte“. Auch der schwedische Arbeiter sieht sich heute vor der Frage, ob und wie er den hohen Lebensstandard, den er sich gewiß nicht ohne schwere Kämpfe erobert hat, gegenüber dem Wettbewerb des länger und billiger arbeitenden deutschen Arbeiters behaupten kann. Zölle? Eine Abwertung der Krone, durch die die Einfuhr verteuert wird? Das würde beides nur den Kampf der hauptsächlich sozialdemokratischen schwedischen Regierung gegen die fortschreitende Preissteigerung erschweren.

Das große Problem des verschiedenen Lebensstandards, ja der verschiedenen Weltanschauung, der inneren Einstellung zu Arbeit und Freizeit und dem Sinn des Lebens, das Problem der grundsätzlichen Verschiedenheit der Völker, hebt wieder sein Haupt. Nicht Industrie kämpft gegen Industrie auf dem Weltmarkt, sondern der Arbeiter des einen Landes gegen den Arbeiter des anderen Landes. Und angesichts der zunehmenden Betriebseinstellungen und Kündigungen in der schwedischen Fertigwarenindustrie ist das für die schwedische Arbeiterschaft heute ein Sehr aktuelles Problem, dessen Lösung vermutlich nicht ohne erhebliche Opfer möglich sein wird.