Wir sind wieder im Spiel! Nach einer Pause von 16 Jahren – genau so lang wie nach dem ersten Weltkriege – zogen deutsche Sportler in ein olympisches Stadion ein. Sie wurden – so wie einst 1928 in Amsterdam in Oslo herzlich empfangen und für ihre bereits in den ersten zwei Tagen, erkämpften Siege von Konkurrenten wie Zuschauern ehrlich gefeiert. Der olympische Geist hat sich wieder einmal als stärker erwiesen als Ressentiments, stärker als die Vorurteile der Politiker. Und es war gewiß keine pure Höflichkeitsfloskel, daß der Bürgermeister von Oslo beim Empfang einer deutschen Delegation im Rathaus sagte, er freue sich besonders, die deutschen Gäste in Norwegen begrüßen zu können.

Unsere Leute haben sich auch gut eingeführt. Vornehmlich ist man mit ihnen im olympischen Dorf zufrieden. „Ich wünschte“, meinte die Vertreterin, des Lagerleiters, „alle Mannschaften wären so leicht zufriedenzustellen. Wir haben manch andere Beschwerde anhören müssen, aber die Deutschen haben sich bei uns für unsere Arbeit und unsere Vorsorge bedankt: die ersten Sportler, die uns diese freundliche Aufmerksamkeit erwiesen.“ Auch viele der übrigen ausländischen Wettkämpfer haben unverhohlen ihrer Freude über das Wiedererscheinen der Deutschen in der olympischen Kampfbahn Ausdruck verliehen.

Es war also richtig – und das geben jetzt auch die Skeptischen zu –, daß wir nicht in den Fehler verfielen, dem Nicht-Mitspielen-Dürfen des Jahres 1948 etwa ein Nicht-Mitspielen-Wollen im Jahre 1952 entgegenzusetzen. Sicherlich hat gerade die Tatsache, daß wir uns nicht als die Beleidigten zeigten, zu der freundlichen Stimmung beigetragen. So steckte gewiß auch keine böse Absicht dahinter, daß man nach dem deutschen Siege im Zweierbob-Rennen nicht nur den Schlitten auf sein Gewicht hin nachprüfte, sondern auch die mit frischem Lorbeer und der Goldmedaille geschmückten Fahrer selbst einer Leibesvisitation unterzog und vergeblich nach „verborgenen Bleiplatten“ suchte. Man hätte das wohl auch bei jedem anderen Teilnehmer getan, denn die von dem Grainauer „Edelweiß“-Wirt und seinem Kameraden Nieberl herausgefahrene Zeit schien allzu fabelhaft, als daß man sie sich zunächst ohne ein Corriger la fortune vorstellen konnte. Indessen hatte schon vor dem Rennen der beste amerikanische Fahrer, Benham, gesagt: „Wird auf der Strecke toll gefahren werden, dann wird es Ostler tun. Er ist ein hervorragender Fahrer.“ Und nachher meinte der französische Präsident des Internationalen Bob-Verbandes, Graf Renaud de la Fregoliere, als er der siegreichen Mannschaft den für die gleichzeitig ausgetragene Weltmeisterschaft gestifteten Erinnerungspokal überreichte: „Ich freue mich von Herzen, den Pokal den Deutschen zurückgeben zu können, die ihn bereits im Vorjahre gewonnen hatten.“ Was will man mehr?

Und dürfen wir nicht ebenso stolz auf Annemirl Buchner-Fischer sein, die 28jährige Hausfrau aus Garmisch-Partenkirchen, die eine Bronze-(Riesen-Torlauf) und eine Silberne Medaille (Abfahrtslauf) eroberte? Als dann auch die anderen deutschen Sportlerinnen – zwei Hausfrauen und acht Haustöchter waren unter ihn an – noch in dem ersten Drittel sich pfacieren konnten, war die Freude, im deutschen Lager allgemein. Hier hatte der Deutsche Skiverband die rechte Auswahl getroffen, indem er die Jugend ins Treffen führte; bei den Männern kann man das so ohne weiteres nicht behaupten.

Das deutsche Sorgenkind Nr. 1 war die Eishockey-Mannschaft. Sie müßte hohe Niederlagen einstecken, aber sie schlug sich tapfer und anständig. Ja, sie war in ihrem Treffen mit, den Kanadiern so auffallend zartfühlend – damit um Gottes willen nichts passiere –, daß die norwegischen Zuschauer sie immer wieder anfeuern mußte. Immerhin besser so als umgekehrt. Sachverständige Kritiker meinten, es wäre wohl auch hier besser gewesen, der Jugend mehr Chancen zu geben. Nun, wenn man vom Rathaus kommt, ist man immer klüger als vorher...

Noch eins: Auch die Russen sind da! Allerdings nur als Zuschauer oder, wie sie selber sagen, als Beobachter. Norwegens schnellsten Mann auf dem Eise, den Weltrekordläufer Andersen, haben sie bereits zu einem Kampf gegen die besten russischen Sportler eingeladen. In Helsinki wollen sie dabei sein und hoffen auf gute Erfolge im Turnen, Boxen, Ringen und Fußball. Ganz so sicher sind die deutschen Vertreter der Sowjetzone ihrer Sache, nicht. Ihr „Olympisches Komitee“ ist nicht anerkannt. Der Kanzler des IOC, Otto Mayer (Schweiz), meinte mitleidig dazu: „Wenn die drei Männer nicht mit einer Zulassung nach Hause kommen, wissen sie nicht, was mit ihnen geschieht.“ Doch auch dieses über Edel, Ewald und Weißig schwebende Damoklesschwert konnte das internationale Gremium nicht rühren. Federführend bleibt der westdeutsche Ausschuß, und zu entscheiden hat Ritter von Halt. Walther Kleffel