Wenn man das Unbehagen, nein mehr: die Ratlosigkeit und das Preisgegebensein des heutigen Menschen auf eine simple Formel bringen wollte, so würde man als Ursache wahrscheinlich seine metaphysische Beziehungslosigkeit erkennen. Der Mensch ist eben einfach so nicht gedacht. Er kann nicht als frei schwebendes Wesen existieren, das ohne jede Schwerkraft von jeglichem Windstoß verweht, bald hierhin, bald dorthin getrieben wird. Einzelne Menschen nehmen ihre Zuflucht zur Psychoanalyse oder anderen Hilfskonstruktionen, und vielleicht vermögen diese manchmal das zu ersetzen, was eigentlich fehlt. – Was aber tun die Völker? Aus welchen Kraftquellen leben sie, die doch im Grunde die Summe oder auch das Spiegelbild jener einzelnen Bürger sind? Sind nicht auch sie gehetzt von jenem Horror vacui?

Wir alle waren soeben Zeugen der großen Kammerdebatte in Frankreich, die eigentlich ein einziges Bekenntnis der Ratlosigkeit und Sorge war. Bidault hat dies sehr schonungslos formuliert, wenn er von Minderwertigkeitskomplexen sprach und den Franzosen sagte, sie sollten nicht Schwächeanfällen unterliegen, sich nicht in ihrer Aufgabe irremachen lassen und nicht den Eindruck erwecken, als fühlten sie sich von vornherein dem Staat unterlegen, den sie am Rhein als Nachbarn haben. Auch Bidault sprach also als Psychotherapeut und nicht als Politiker.

Teitgen, der ehemalige Verteidigungsminister und ein führendes Mitglied des MRP, hat sehr mit Recht gesagt, die wirkliche Politik bestehe darin, gemeinsame Interessen zu schaffen. Er erinnerte an die Montan-Union und sprach von der Notwendigkeit, eine gemeinsame Verteidigungsarmee zu schaffen, und nicht den Kritikern Gehör zu schenken, die zuerst feste Institutionen konstruieren wollten und so viele Vorbedingungen erfänden, daß darüber der föderative Gedanke zugrunde ginge.

Aber, so muß man sich fragen, geht es eigentlich noch um Politik? Wen interessiert es denn, einen Modus vivendi zu finden, eine Möglichkeit des Miteinanderlebens? Die Franzosen, die ihren historischen Assoziationen hingegeben sind, haben in dieser Debatte eine solche Fülle gespenstischer Erinnerungen beschworen und zu neuem Leben erweckt, daß es kaum mehr möglich scheint, ein irgendwie geartetes Vertrauen zu dem Nachbarvolk neu zu etablieren. Und die Deutschen? Sehen sie es vielleicht als ihre politische Aufgabe an, "Mittel und Wege" zu finden? Ist es nicht vielmehr so, daß sie bei der ersten Gelegenheit sofort die Flinte ins Korn werfen? Ja, daß sie angesichts der "Saar-Panne" mit einer gewissen sadistischen Befriedigung feststellen, es sei nun vor aller Welt demonstriert, wie unehrlich die französischen Absichten sind. Und daß sie nunmehr in lässiger Selbstgerechtigkeit meinen, genug getan zu haben, nachdem der kurze Traum, die Erbfeindschaft habe sich in eine Erbfreundschaft verwandelt (wie Werner Finck unsere Neigung zu extremen Affekten glossifiziert), ausgeträumt ist.

Wir haben offenbar längst vergessen, daß Politik darin besteht, den Ausgleich zwischen sehr handfesten Interessen und Interessenten zu finden, und nicht darin, Illusionen nachzuhängen über eine ideale Weltordnung, einen makellosen Partner und entmaterialisierte vergeistigte Beziehungen. England hat während der letzten Monate beiden Völkern demonstriert, daß Politik machen Schach spielen heißt. Und daß man nicht einfach das Schachbrett zusammenklappt und nicht mehr mitspielt, wenn der Partner einen unerwartet bösartigen Zug getan hat, sondern daß man ohne viel Geschrei darüber nachsinnt, was nun wohl zu tun und welcher Zug zu machen sei, um im Spiel zu. bleiben. Freilich setzt Politik, so betrieben, zwei Dinge voraus, die unter Neurotikern selten zu finden sind: Selbstvertrauen, an dem es den Franzosen ganz und gar gebricht, und kühle Beurteilung und affektlose Reaktionen, was eben uns Deutschen total abgeht.

Es ist garnicht einzusehen, warum es Frankreich so sehr an Selbstvertrauen feilt. Das Land ist reich und der Wohlstand viel fundierter als in Deutschland. Der chronische Geburtenrückgang, der seit mehreren Jahrzehnten ein bedenkliches Zeichen innerer Schwäche zu sein schien, ist zum Stillstand gekommen; seit 1945 ist der Geburtenüberschuß vom Nullpunkt, rasch ansteigend, auf heute annähernd 10 je Tausend der Bevölkerung angewachen und liegt damit zum erstenmal über der Rate des deutschen Bevölkerungszuwachses. Aber aus mangelndem Selbstvertrauen versteht man diese objektiv günstige Lage nicht zu nutzen. Im Lande entzieht das Mißtrauen der Bevölkerung dem Wirtschaftsaufbau laufend riesige Summen: man schätzt, daß nach den derzeitigen Notierungen etwa 930 Milliarden Francs (11,16 Milliarden DM) offiziell und inoffiziell in Gold gehortet sind. Und außenpolitisch führt die Sucht, alles durch Verträge festlegen, sichern und abschirmen zu wollen, zu ganz grotesken Konstruktionen, zu einem dichten Netzwerk, das schließlich jedes Leben und jede freie Entfaltung erstickt.

Im Dezember 1944 hat, Frankreich auf die Dauer von 20 Jahren mit Sowjetrußland einen gegenseitigen Bündnis- und Hilfeleistungsvertrag abgeschlossen, der die Garantie dafür bieten sollte, daß auch nach Beendigung des zweiten Weltkrieges jede Initiative Deutschlands verhindert wird, "die einen neuen Versuch einer Aggression möglich machen kann". Im Artikel 5 dieses Vertrages heißt es: "Die Vertragschließenden verpflichten sich, kein Bündnis zu schließen und an keiner Koalition teilzunehmen, die gegen einen von ihnen gerichtet ist." Die französische Regierung hat die Gültigkeit dieses Vertrages im September 1951 in einer Note noch einmal bestätigt. Sie tat das, obgleich sie im April 1949 ihre Unterschrift unter den Atlantikpakt gesetzt hat, dessen Zweck darin besteht, die Verteidigung der westlichen Welt gegen Sowjetrußland zu organisieren. Gewiß ist diese Koalition nicht offensiv; sondern defensiv gegen (aber eben doch gegen) die Sowjetunion gerichtet. Und seither? Seither wird ein Plan diskutiert, der den Namen des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Pleven trägt und in dem die Einbeziehung Deutschlands – gegen das der Bündnisvertrag mit der Sowjetunion gerichtet ist – in eine Europaarmee erwogen wird. Und nun? Nun ist der Wunsch erwacht, sich vor Deutschland, gegen das man als Gegner bereits bündnismäßig gesichert ist, auch noch als Partner durch eine Garantie zu sichern. Es sollen also die Partner des 2. Paktes, der gegen den Partner des 1. Paktes gerichtet ist, eine Garantie geben für das Betragen des Partners im 3. Pakt, gegen den der 1. Pakt geschlossen war. Dabei kommt einem unwillkürlich die Diagnose des Ringelnatzschen Doktors in den Sinn: "Daß dieser Wurm an Würmern litt, die wiederum an Würmern litten."