Von Dieter Beste

In den Jahren 1945 und 1946, als viele Nationalsozialisten aus ihren Berufen entlassen wurden, kündigte auch die Hamburger Hochbahn AG – kurz HHA genannt – fristlos etwa 350 Mitgliedern die Stellung. Der größte Teil von ihnen hat sich danach in einer „Interessengemeinschaft“ zusammengetan und klagt seit Jahr und Tag in Einzelprozessen vor dem Arbeits- und Landesarbeitsgericht.

„Wir sind völlig ungerechtfertigt entlassen worden“, sagen sie. „Wir hatten weder in der NSDAP noch in der Hochbahn leitende Posten. Nur zwölf von uns waren in gehobenen Stellungen als Ingenieure oder Bürovorsteher. Zwei Drittel von uns sind einfache Schaffner, Fahrer und Wagenwäscher gewesen.“

Sie sitzen in der alten Kellerküche eines ehemals herrschaftlichen Hauses, die einem der Männer als Wohnung dient. Sie kommen allmonatlich einmal zusammen und besprechen, was in ihrer Sache zu unternehmen sei. Die Kellerküche ist mit alten Pappscheiben verkleidet, ein Tisch steht in der Mitte, eine Bank und einige Stühle drumherum. Das ist alles.

„Keiner von uns ist wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP bei der Hochbahn eingestellt worden“, fährt einer fort. „Wenn Bürgermeister Brauer in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Aufsichtsrates das in einer Hauptversammlung der HHA gesagt hat, So war das ein großer Irrtum. Nur 30 ‚alte Kämpfer‘ bekamen bei der HHA Arbeit. Es waren ganz einfache Posten. Fragen Sie aber nicht, wie nach 1945 die Einstellung vor sich ging...“ „Wie ging sie denn vor sich?“ „Das könnte Ihnen beispielsweise Herr Schümann erzählen“, auch wenn er nicht zu uns gehört...

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Schümann, der bis 1949 als Inspektor in der Hochbahn-Zentrale Kellinghusenstraße tätig war, ist heute Hauswart in Altona. Was er vor seiner Entlassung getan hat, erzählt er selbst: „Etwa von Juni 1946 an bis zu meiner Entlassung hatten sich alle im Außendienst neu Eingestellten – ich weiß nicht mehr, wie viele es waren, aber über hundert waren es bestimmt! – bei mir nach ihrer Einstellung zu melden. Ich teilte ihnen mit, Direktor Jäger wünsche, daß alle Hochbahnangestellten politisch und gewerkschaftlich organisiert seien, und legte ihnen Eintrittsformulare für die SPD und die Gewerkschaft vor. Fast alle haben unterschrieben. Diejenigen, die es nicht taten, wurden später noch einmal angestoßen und so lange weich gemacht, bis sie schließlich auch drin waren. Da war es Oberbezirksleiter Schlepegrell, der sich rühmte, in einer Woche 50 Mann im Betrieb für die SPD geworben zu haben.“