Von Karl N. Nicolaus

Bei einer jener festlichen Veranstaltungen, die unter dem sanften Terror der großen Abendkleider stehen, befiel mich der Gedanke: „Was würde geschehen, wenn einer der antiken Götter – einer der Schlingel, die es im Olymp gab – mit einem Zauber-Magneten über das Fest hinzöge, mit einem Magneten, der alles, was Samt und Seide ist, ansaugt?“ Es würde eine Panik entstehen, nur vergleichbar mit jenen Bildern, wie sie mittelalterliche Maler vom jüngsten Gericht entworfen haben. Was beweist, wie sehr Samt und Seide das Wesen dessen sind, was wir die Festkleidung nennen.

Immer wieder wird uns versichert, daß das „Atom-Zeitalter“ über uns hereingebrochen sei. Es ist aber zunächst die „Düsen-Zeit“, die wir absolvieren. Ich meine dabei nicht einmal das technische Faktum des „Düsenjägers“, sondern ich denke an eine Düse (und zwar eine sagenhaft große Zahl von Düsen), die jene Stoffe hervorbringt, die neuerdings als „Chemiefasern“, das heißt als rein chemisch gewonnene Stoffe, die Welt zu erobern begannen. Genau genommen ist allerdings auch die jahrtausendealte Seide das Produkt von Düsen, die sich im Besitz der Seidenraupe befinden. Die Geschichte der Seide ist ein grandioses Epos, teils wie eine Odyssee, teils wie ein Kriminalfilm, teils wie eine Moritat, in Blut getaucht.

Es begann: – wie so viele große Dinge – ganz harmlos. So um das Jahr 2800 vor Christi Geburt wandelt in den göttlichen Gärten ihrer Residenz im fernen China die Kaiserin Se-Lung-Schi mit ihren Hofdamen. Und sie freuten sich über die Früchte des Maulbeerbaums. Obwohl an jenem Abend gar kein Wind war, bewegten sich die Früchte. Und da die Damen damals schon neugierig waren, öffneten sie eine der Früchte des Maulbeerbaums. Und sie entdeckten, daß diese „Frucht“ das Gehäuse einer Raupe war. Die Damen begeisterten sich an dem zarten Faden, den die Raupe hervorbrachte, und meinten, man könnte vielleicht auch etwas Praktisches damit anfangen. So wurde die Kaiserin Se-Lung-Schi die „Mutter des Fadens“. Man errichtete ihr Tempel, und nach ihrem Tode wurde sie als Sternbild an den Nachthimmel versetzt.

Sehr rasch avancierte die Seidenraupenzucht zu einem Betriebsgeheimnis von eminenter Bedeutung. Wer das Geheimnis verriet, wurde geköpft. Eine chinesische Prinzessin, die ins „Ausland“ heiratete, flocht sich einige Kokons in ihr Haar. Das war der erste illegale Export. Die Vornehmen dieser Welt, die bald dahinterkamen, daß es schön ist, sich und ihre Frauen in Seide zu kleiden, mußten Expeditionen ausrüsten, um Seide aus China zu holen oder von Zwischenhändlern zu kaufen. Und Sven Hedin nannte den Weg, der wegen der Seide in die Welt getreten wurde, die längste und bedeutendste Straße, die Menschen schufen. Dieser Seidenweg hatte eine Länge von mehr als zehntausend Kilometern, was ein Viertel des Erdumfangs ist. Die Weltstädte von einst – Ninive und Babylon – waren „auf Seide gebaut“, das heißt, der Seidenhandel half ihren Wohlstand begründen.

Die Chinesen waren Meister im Geheimhalten ihres Produktionsgeheimnisses. Erst im Jahre 552 nach Christi Geburt gelang es wandernden Nestorianer-Mönchen, in hohlen Bambusstäben Kokons nach Byzanz, dem heutigen Konstantinopel, zu bringen. Von da ab baute sich auch Byzanz ein Monopol auf, in das dann aber Venedig, Frankreich und Deutschland einbrachen. Seide und die daraus hergestellten Samte und Brokate bedeuteten Wohlstand und Reichtum, Macht und – Devisen.

Oft hat die Seide Schicksal gespielt. Da lebte im vierten Jahrzehnt nach Christi Geburt Livia Orestilla, eine der schönsten Frauen Roms. Sie war verliebt und wollte einen Patrizier heiraten, und da sie sehr vornehm war, lud man auch den Kaiser zur Hochzeit ein. Auf dem Thron saß gerade der wahnsinnige Kaiser Caligula. Livia Orestilla – in Seide gekleidet – erregte das Begehren des Kaisers. Er ließ sie von der Hochzeit weg in seinen Palast führen und heiratete sie selbst. Er tat diese Absicht der erstaunten Hochzeitsversammlung kund, indem er zu dem Bräutigam sagte: „Sei so gut, drücke meine Frau nicht so!“ Und Seide war von da ab ein Gott mehr, den Caligula anbetete. Ein Kilo Seide kostete ein. Kilo Gold. Er ist der einzige Kaiser, der mit einem seidigen Spitznamen in die Geschichte einging; man nannte ihn Sericus, das heißt – den „Seidigen“.