Generaloberst Heinz Guderian schätzt, daß Hitler durch strategische und taktische Fehler 70 bis 90 Divisionen sinnlos opferte. Das sind etwa 1,6 Millionen Mann. Und das ist, da Gude rian einst selbst Hitlers Generalstabschef war, zweifellos eine vorsichtige Schätzung.

Hitler, der – wie sein Adjutant Hossbach meint – noch 1936 ein „völliger Ignorant in der Strategie und Taktik“ war, hatte seine Seele seit Kriegsbeginn dem Dämon der militärischen Leidenschaft verschrieben. Er stand mit seinen Intuitionen mitten zwischen zwei Lagern. Die alte Generation warf ihm „Rabauken-Strategie“ vor, die jüngeren Generäle wie Guderian, Reichenau und Hoepner beschuldigten ihn der „orthodoxen Bedächtigkeit“. Wie war es wirklich? Der Gefreite Hitler hatte in seiner Lesebesessenheit zuviel Clausewitz gelesen! Er wollte nicht mehr Schlachten im klassischen Stil schlagen, nein, er wollte in den tiefsten Abgründen seiner Phantasie solche Schlachten schlagen, daß die NS-Feldmarschälle des Jahre 2000 bei ihren Studien die Lehren von Cannae, die bis dahin als klassisches Beispiel der Vernichtung gegolten hatten, lässig überblättern würden. Das wollte er. Allein er vergaß den Gegner und die Imponderabilien jedes militärischen Planes; er vergaß die Macht der Natur über Menschen und Maschinen, und er vergaß das ewige Walten der Hybris. So kam es zu einer Strategie, die keine war.

Vier Wochen nach dem Feldzugsbeginn, als die ersten großen Vernichtungsschlachten geschlagen sind, hat sich das Bild geändert. Hitler hat sich dem Zahlenrausch der alten Generation ergeben. Panzer-As Guderian will ohne Rücksicht auf Flanken, ohne aufschließende Infanterie vorwärts „pfeilen“. Will Moskau erreichen, die sich die russische Führung vom Schock der Überraschung erholt hat. Guderian behauptet, in wenigen Wochen in Moskau sein zu können. Und die Einnahme dieser Stadt – in der eine Million Industriearbeiter tätig sind und die der zentrale Knotenpunkt des russischen Eisenbahnsystems ist – hätte möglicherweise tatsächlich die Revolution gegen das Sowjetregime auslösen können. Aber Hitler weist seinen Panzerspezialisten ab.

Der Nimbus schwindet

Nach Stalins Ansicht sind es drei Schlachten, die den Rußlandkrieg entschieden haben: Moskau 1941, Stalingrad 1942/43 und Kursk 1943.

Vor Moskau brach der Nimbus der unbesiegbaren deutschen Armee zusammen. Vor Stalingrad der Nimbus des „größten Feldherrn aller Zeiten“. Es ist genau ein Jahr später, im Dezember 1942, als die sechste Armee in Stalingrad verblutet.

Seit November geht es nun schon. Drei Wochen Haus um Haus, Straße um Straße, Stockwerk um Stockwerk bitterster, blutiger Kampf. So darf es nicht weitergehen. Dieser Trümmerhaufen muß aufgegeben werden. Nicht ein deutscher General ist darüber anderer Meinung. Generaloberst Paulus und seiner Armee aber bleibt nichts anderes übrig, als die Belagerung von Stalingrad weiterzuführen, weil Hitler es so will, obwohl diese Operation ihn und seine Armee der Katastrophe täglich näher bringt. Seine Truppen machen alles, was ihnen befohlen wird. Sie sind großartig in ihrer kämpferischen Qualität. Ihre Offiziere und Generale sind Vorbilder an Mut. Ihr Oberbefehlshaber Paulus soll nach dem Sieg an der Wolga Jodls Nachfolger werden, das wissen alle Stäbe. Aber ... an der Flanke dieser Armee von allerbesten Soldaten stehen rumänische, italienische und ungarische Divisionen.