Als junger Mann lebte ich einmal in Überlingen – mutterseelenallein. Für mich gab es wenig Einklang mit dem öffentlichen Leben und viele Stunden melancholischer Einsamkeit, die für ein Erlebnis reif machten, das zu kommen zögerte. Aber dann nahte die Fastnacht, und schon Wochen vorher war an den Menschen zu spüren, daß Tore sich öffnen würden. Ich wurde fröhlich, denn auch ich bin aus einer Gegend, in der das ganze Jahr hindurch das Blut, oder was der Träger des Fastnachtsbazillus ist, auf diese Zeit wartete.

In Überlingen hatten sie die Gilde der „Hanseli“. Man trägt ein aus düsterfarbigen Flecken zusammengesetztes Kostüm,das Kopf und Körper eng umhüllt, als Nase einen Teufelsschwanz und an allen Lappen Schellchen. Bei dem den Masken eigentümlichen Springgang füllen sich die Gassen mit einem winzig blechernen Läuten. Es durchklirrt die Luft wie mit geisterhaftem sachtem Regen. Aber das besondere Zeichen der „Hanseli“ ist die lange starke Karbatsche. Schon einen Monat vor Beginn der Fastnacht fangen sie an zu üben, und bis in die Nacht hinein hört man die Schläge der derben Lederpeitschen, die die Luft aufreißen, während in vielen Stuben Musikinstrumente sich auf den Überlinger Fastnachtsmarsch vorbereiten.

Dann zeigen die Hanseli ihre Kunst und fegen, mit den Karbatschen knallend, durch die Straßen; sie jagen die Mädchen, doch nur zum Spaß; aber den Männern, die sich das Jahr hindurch unbeliebt gemacht haben, fitzen sie gelegentlich eines hin. Herr Armbruster, mit dem ich öfter im „Hecht“ schöppelte, konnte sie nicht leiden. Er sagte, sie seien eine Gilde, die sich etwas besseres dünke. Wenn man nur wüßte, wo ihre Tradition herkäme?!

„Klar“, sagte ich ihm, „daß sie einmal eine Feme waren –: daher ihre Vermummung, daher die Karbatsche als Instrument des Strafens. Abrechnung für alle, die vom amtlichen Gericht vergessen worden waren. Es ist klar!“ Als ich das sagte, wußte ich noch nicht, daß ich bald Gefahr laufen sollte, eines ihrer Opfer zu werden.

Auf dem Eisplatz am See, den ich täglich besuchte, erschien ein Wesen, gleichsam von einem andern Planeten. Sie segelte wie eine Möwe. Es hieß, sie sei verheiratet mit einem Ingenieur, der nur zum Wochenende nach Hause käme. Ich sträubte mich, es zu glauben. Aber wir sprachen nicht viel zusammen, aus plötzlicher Verliebtheit. Am Sonntag sah ich sie dann mit ihrem Mann auf dem Eis, und ich schrieb ein Feuilleton in der „Frankfurter Zeitung“, das „Fräulein Möwe“ betitelt war. Ich nahm Rache, daß sie einen Mann hatte.

Als man dies Feuilleton in Überlingen las, erkannte man die Beschriebenen sogleich. Und der Oberamtmann bemerkte am Stammtisch im „Faulen Pelz“: „Der Jacques ischt ein glänzender Schtilischt!“

Aber Armbruster sagte mir, der Ingenieur fasse den Artikel nicht von der stilistischen Seite auf. Der Ingenieur gehöre zu den Hanseli und habe mit seinen Kameraden bezüglich meiner ein Geheimabkommen getroffen. Am kommenden Sonntag auf dem großen Fastnachtsball im „Löwen“ wollten sie mir an den Kragen. Ich sagte verwegen: „Da kann man nicht gegen an!“ und wartete sehnsuchtsvoll auf den Sonntag, der die Gelegenheit bringen sollte, mich unter dem Schutz der Maskengesetze der „Möwe“, die Rosel hieß, zu nähern. Denn man hielt es in dieser Gegend mit der Maskierung so streng, daß selbst Eheleute mit allen möglichen Künsten voreinander verheimlichten, in welcher Gestalt sie auf die Bälle gingen.