Braungebrannt, elegant, soeben aus Paris kommend, steht der begabte Berliner Couturier im Atlantik-Hotel in Hamburg, auf einem Höhepunkt seines jungen Lebens. Denn gleich werden die Scheinwerfer aufflammen und seine Frühjahrs- und Sommerschöpfungen beleuchten, eine große Kollektion von 100 Modellen, die er im Auftrage der Industrie aus deutscher Chemie-Kupferseide Cupresa und Kupferspinnfaser Cuprama schuf. Kunstseide und „Ersatz“ nannte man die Stoffe früher, aber seit die Kunst der Technik eine solche Vollendung erreicht hat, daß diese Gewebe den Vergleich mit den Naturstoffen Seide und Wolle aushalten können, empfand man den alten Namen als abträglich und merzte ihn aus.

„Ich bin so stolz“, gesteht mir Heinz Oestergaard, „weil mein Besuch bei Dior bestätigte, daß ich recht behalten habe.“ Aber sein Ausdruck, während er das sagt, zeigt weniger Stolz als etwas Überraschung und lustiges Selbstvertrauen, seine haselnußfarbenen Augen lachen und seine schmale Gestalt federt vor Lebensfreude. Recht behalten nämlich hat er mit der überzeugten Auswahl von weichen, schmiegsamen, zarten Stoffen – bekannt als Lavabel, Georgette, Chiffon – und der fließenden, schwingenden Linie, der auch in Paris, dem Zentrum der Weltmode, für die kommende Saison der Vorzug gegeben wurde. Während in den letzten Jahren die schweren, storren, harten Stoffe herrschten, die fast von selber standen und gingen und die Trägerinnen sehr oft zu repräsentativer Feierlichkeit zwangen, auch wenn es ihnen gar nicht lag.

Als ich Heinz Oestergaard vor drei Jahren in Berlin sah („Die Zeit“ vom 4. August 1949), war dort sein Stern schon aufgegangen, während man im Westen nur in Fachkreisen seinen Namen nannte. Er hatte, aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, ein eigenes Atelier aufgemacht, und die Damen der Besatzungsmächte waren in jenen Tagen die fähigen Auftraggeberinnen. Da wurde sein früherer Chef Eggeringhaus wieder auf ihn aufmerksam und seitdem trägt die alte Firma den Namen „Schröder, Eggeringhaus und Oestergaard“. Oestergaards Schneidermeister, ein alter bewährter Fachmann, der ihn schon als blutjungen Anfänger kannte, sagte mir damals in sachlichem Berlinisch, aber mit einem Unterton von geradezu väterlicher Herzlichkeit: „Wir können noch viel von ihm erwarten, weil er eine Naturbegabung ist. Für ihn zu arbeiten ist ein Vergnügen, denn jede seiner Ideen ist in dem Material, in der Stoffart gedacht, in der sie sich auch ausführen läßt.“ Seitdem konnte man den zähen Fleiß des jungen Modeschöpfers verfolgen, seine Phantasie, seine immer gleichbleibende Natürlichkeit und echte Bescheidenheit. Wie jeder Maler, wie jeder Künstler, der ein Könner ist, hält er, danach befragt, für seine beste Arbeit die kommende. „Aber manchmal“, sagt Oestergaard mit der ihm eigenen herzlichen Offenheit und zugleich nervösen Gespanntheit, „wenn ich das Gefühl habe, mir ist wirklich etwas gelungen, was vorher eine Idee war, möchte ich meinen Beruf an den Nagel hängen aus Angst, daß es mir nie wieder glücken wird.“

Die große Modenschau im Atlantik-Hotel in Hamburg, zuvor schon in den Modezentralen Berlin und Düsseldorf gezeigt und von schneidiger Propaganda für weitere 50 Städte geplant, hatte im Atmosphärischen mehr merkantile Geschäftigkeit als es die exklusive Vornehmheit der anerkannten Modesalons sonst zuläßt. Aber die Kultiviertheit des Oestergaardschen Geschmacks, sein Flair für Farben, seine Fabulierkunst sind zusammen mit diesem tüchtigen Propagandaapparat geeignet, der deutschen Mode mehr Geltung zu verschaffen. Heinz Oestergaard kapriziert sich nicht darauf, die schönsten und reichsten Frauen im Lande gut anzuziehen, er möchte dazu beitragen, daß die große Menge der Frauen hübsch gekleidet ist. Nicht nur, weil die Haute Couture auf sich allein gestellt keine großen Chancen mehr hat, sondern weil es seine Überzeugung ist, weil er hier und heute lebt. So schuf er als einer der ersten bereitwillig in seinen „Inge“-Modellen billige Konfektionskleidchen mit persönlicher Note, so machte er mit seinen Baumwoll-Kollektionen „Ninolette“ und „Ninoflex“ wenig bekannte Stoffe sogar für den Abend „salonfähig“ und so stellte er jetzt sein Können für die preiswerten „Kleiderstoffe aus der Retorte“ zur Verfügung. Seine Schöpfungen, die von schnellen Mannequins effektvoll über den Laufsteg getragen wurden, zeigten Phantasie und Chic und jene Note, die dem Stil und den Bewegungen der deutschen Frauen entsprechen. Sie machen die Trägerinnen hübscher, verführerisch, begehrenswert. „Eine Frau gut anzuziehen darf nie mehr bedeuten als ihre persönlichen Eigenschaften durch gewisse modische Akzente zu unterstreichen – oder manchmal auch zu verdecken, wenn’s nötig ist“, mit schallendem Lachen über seine eigene Bemerkung, in Hemdsärmeln und aufgeregt über seine Hamburger Premiere zupft Oestergaard an dem strotzenden Halsschmuck seines schönsten Mannequins, der eben in glitzender Aufzäumung ein erregendes Abendkleid in das Scheinwerferlicht tragen will. „Merkwürdig ist dabei, daß man nicht zu subjektiv sein darf“, fährt er fort, als das schöne Kind weg ist, „ein zu persönliches Sichkennen kann schon hinderlich sein. Ich glaube, man kann eine Geliebte nicht so gut anziehen wie eine Frau, die man verehrt“. Eka v. Merveldt