Von Ernst Krüger

In dem Überblick, den Außenminister Eden dem Unterhaus über die Außenpolitik Englands gab, spielte der englisch-ägyptische Streit über die Suezkanalzone und den Sudan eine wichtige Rolle. „Wenn“, so sagte Eden, „ein Abkommen über die Sicherheit des Suezkanals, in der wir eine internationale Verpflichtung erblicken, von dauerndem Wert sein soll, so müssen wir auch auf die wahren und berechtigten Ansprüche des ägyptischen Volkes Rücksicht nehmen. Wir sind bereit, Mittel und Wege hierfür zu suchen und sie im Geist wahrer Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern und unseren Alliierten zu verfolgen. Ich bin sicher, daß unsere beiderseitigen Interessen in einer Art und Weise aufeinander abgestimmt werden können, die für beide Teile von Vorteil und ehrenhaft ist.“

Zweifellos hat der von König Faruk veranlaßte Kabinettswechsel in Ägypten zu einer wesentlichen Beruhigung der Lage geführt, nachdem die „Schlacht von Ismailia“ das Land an den Rand einer Revolution geführt hatte. Die blutigen Ereignisse in Kairo, die nach den Worten Edens „seit Jahrhunderten in einer zivilisierten Hauptstadt in Friedenszeiten ohne Vorbild sind“, waren für beide Regierungen eine ernste Warnung, neue Verhandlungen aufzunehmen. Inzwischen haben sich die Auffassungen beider Parteien denn auch bereits erheblich genähert. England hat anerkannt und Eden bestätigte es im Unterhaus, daß „der anglo-ägyptische Vertrag von 1936 überholt sei und durch einen neuen Vertrag auf internationaler Basis ersetzt werden sollte“. Ministerpräsident und Außenminister Maher Pascha seinerseits hat den Chef der ägyptischen UNO-Delegation, Mahmud Fauzi Bey, beauftragt, die Grundlagen und Erfordernisse für einen Regionalpakt zu überprüfen, der den Verteidigungs-begriffen der UNO Rechnung trägt und gleichzeitig die Anwesenheit englischer Truppen im Suezkanalgebiet unnötig macht. Ägyptische diplomatische Kreise brachten bereits zum Ausdruck, daß sich England wahrscheinlich bereit erklären würde, seine Streitkräfte aus der Suezkanalzone in das von Ägypten besetzte palästinensische Gebiet von Gaza zu verlegen, wenn die ägyptische Regierung sich zu einer internationalen Zusammenarbeit in einem Mittelostkommando verpflichten würde. Es ist durchaus denkbar, daß auf dieser Basis aussichtsreiche Verhandlungen aufgenommen werden, denn erstens würde Ägyptens Forderung auf Abzug der englischen Truppen aus der Kanalzone noch vor dem Beginn internationaler Verhandlungen erfüllt, und zweitens wäre auch das englische Sicherheitsbedürfnis während der Zeit bis zum Abschluß eines regionalen Paktes über ein Mittelostkommando befriedigt, da englische Truppen von Gaza aus in kürzester Zeit an den Suezkanal, befördert werden können.

Auch in der Sudanfrage scheinen die Gegensätze beider Länder nicht mehr unüberbrückbar zu sein. Beide Regierungen stimmen nämlich darin überein, daß die Bevölkerung des Sudan über die Zukunft ihres Landes selbst bestimmen soll. Die Wege zu diesem Ziel sind allerdings verschieden. England will durch einen fortschreitenden Ausbau der Selbstverwaltung eine demokratische Regierung auf parlamentarischer Grundlage schaffen und möchte am liebsten, daß dieses Parlament über die Zukunft des Landes entscheidet. Die ägyptische Regierung hingegen hat durch ihren Außenminister in der Generalversammlung der UNO bekanntgegeben, daß sie bereit sei, zur Durchführung einer unbeeinflußten, unter der Leitung der UNO stehenden Volksabstimmung über die politische Zukunft des Sudan alle ägyptischen Beamten, und bewaffneten Streitkräfte aus dem Lande zurückzuziehen, falls England das gleiche tun würde. Diese ägyptische Erklärung hatte die für England unerwartete Wirkung, daß die drei großen politischen Parteien des Sudan: die für eine völlige Unabhängigkeit kämpfende „Nationale Front“, die pro-englische „Umma“ und die pro-ägyptische „Aschigga“, sich einmütig zu einer solchen Volksabstimmung bekannten. Die englische Regierung, die anfangs einen Volksentscheid als „unpraktisch“ abgelehnt hatte, mußte sich nach dieser Stellungnahme der politischen Parteien mit einer Volksabstimmung einverstanden erklären, um nicht die für England stets in Anspruch genommene Rolle eines Schutzpatrons der Sudanesen zu desavouieren.

Nachdem also feststeht, daß alle Beteiligten für eine Volksabstimmung sind – die nach Lage der Dinge wahrscheinlich erst im nächsten Jahre durchgeführt werden kann –, kommt der Frage der Anerkennung König Faruks als „König des Sudan“ nicht mehr die Bedeutung zu, die England ihr bisher beigemessen hat. So hat denn auch die USA-Regierung dem englischen Alliierten nahegelegt, die Anerkennung möglichst bald zu vollziehen. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß England dieser Anregung entsprechen wird, zumal es sich ja nur um eine befristete Anerkennung handelt, deren Verlängerung von dem nicht vorauszusagenden Ergebnis des Volksentscheids abhängig ist.