Zürich, im Februar

Mit seinem ersten Versdrama „Pyrrhus und Andromache“, das jetzt am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde, hat Ferdinand Bruckner all jenen „fliegengejagten Oresten und den trojanischen Helden, deren Krieg gar nicht stattfand“ eine Rückkehr zum ursprünglichen klassischen Thema entgegenzustellen versieht. In einem Vortrag, den er wenige Tage zuvor hielt, wandte er sich entschieden gegen Giraudoux und meinte in Beziehung auf sein eigenes Stück: „Endlich soll der tragischen Begebenheit nicht immer wieder ausgewichen, sie soll nicht wieder einmal Anlaß zu einer reizvollen Verspieltheit werden, vielmehr soll sie sich endlich wieder unmittelbar und in ihrem ganzen Ernst vollziehn.“

Inhaltlich geht er bis auf Homer zurück, folgt im Lauf der Handlung manchmal fast akribisch den beiden entsprechenden Dramen von Euripides und übernimmt die letzte Tat des Orest, die in den Mythologien meist unerwähnt bleibt, von Vergil. Stilistisch schließt er sich an Racine an, das Gesetz der drei Einheiten wird getreulich bewahrt; nur einen Chor führt er ein, der jedoch nicht nach der Art des griechischen eine allwissende und daher kommentierende Funktion hat, sondern warnt und berät. Auch wenn man in Zürich den eigentlichen Chor fortließ und ihn auf die vier Chorführer, die „Fürsprecher“ der vier handelnden Personen beschränkte, wurde seine Bedeutung noch klar: sie blieben im Halbdunkel – wie die Mitwelt, die nicht immer sichtbar, doch immer da ist, und nur wenn einer von ihnen Einspruch erhob, richtete sich der Scheinwerferkegel auf ihn. Doch selbst dann erschien er seltsam unwirklich, als spräche einer Stimme’ aus dem eigenen Innern.

Was Bruckner darstellen wollte, war die Zeitlosigkeit der Leidenschaft. Pyrrhus ist mit Hermione verlobt, die wiederum von Jugend an von Orest umworben wurde. Aber als Pyrrhus nach Trojas Fall Andromache, die Witwe Hektors, als Sklavin erhält, ist er ihr verfallen und sucht ihren Widerstand zu brechen. Astyanax, ihr Sohn, ist ihm – ein Mittel dazu: als Orest ihn im Namen der Griechenkönige fordert, will er ihn ausliefern. Aber die Leidenschaften sind stärker, und jeder der vier Menschen wird von ihnen seinem Schicksal entgegengetrieben: Orest ersticht Pyrrhus, und Andromache stirbt in der Umarmung mit dem toten Pyrrhus, Hermione stürzt sich in die Schlucht, die zum Orkus hinunterführt, und nur Orest bleibt zurück – allein mit den Erynnien, die ihn nicht mehr loslassen werden.

In dem etwas allzu belehrenden Schlußwort des Tyndar, des Fürsprechers des Pyrrhus, heißt es dann, daß Orest den Erynnien der Einsamkeit verfiel, weil er sich nicht der Mitwelt aufschloß, der „jeder einzelne gehören muß“, während Pyrrhus ihr zugehörig blieb und erkannte, daß „die Welt nicht um sie zu nehmen da ist, sondern um mit ihr zu leben“. Von diesem Satz her, der ja schon in der eigentümlichen Rolle des Chors theatralisch versinnbildlicht wurde, packte die Inszenierung von Dr. Oskar Wälterlin auch das Stück an: wie unter der strengen Racine-Form hier doch immer wieder durchaus moderne Gedanken und Lehren anklingen, so ließ er seinen Darstellern zwar immer das klassische Pathos der Gebärde, hinter dem aber doch unverkennbar das moderne psychologische Theater sichtbar wurde. Dem urwüchsig-vitalen Walter Richter als Pyrrhus stellte er den fast schon pathologischen Individualisten Orest von Albin Skoda gegenüber, und Maria Wimmers Andromache in echt homerischer Reinheit und Größe wurde wiederum mit der Hermione von Maria Becker konfrontiert, deren Sterben in durchaus heutiger Sicht nur ein Nicht-leben-Können blieb. Das Publikum war von dieser Form einer Erneuerung der klassischen Tragödie sehr angetan und rief neben den Darstellern auch den Dichter vor den Vorhang. Ulrich Seelmann-Eggebert