Hamburgs Wirtschaftssenator Prof. Schiller stellte der 47. Hamburger Textil-Mustermesse, die am letzten Sonnabend dem Reigen der Textilmessen den Auftakt gab, das Prädikat „aktiven Messe“ aus. Das war durchaus einer keine Übertreibung, wenn man bedenkt, daß sich an den drei Messetagen rund 15 000 Textil-Einzelhändler aus dem großen norddeutschen Raum zwischen Osnabrück und Flensburg einfanden, um aus einem umfassenden Angebot von 800 Ausstellern aller Textilbranchen ihre Frühjahrsdispositionen zu treffen. Daß diese Dispositionen sehr vorsichtig waren, konnte nicht überraschen, zumal der Textil-Einzelhandel nach wie vor über gut sortierte Läger verfügt. Und wenn eine große Anzahl von ausstellenden Firmen gute Abschlüsse buchen konnte, so entfielen diese in der Hauptsache auf modische Neuheiten. Darin war ein besonders reichhaltiges Angebot: Damenmäntel mit farbigen Kombinationsmöglichkeiten an Kragen, Ärmel und Gürtel aus Bentheim, gummidurchwirkte Badeanzüge aus Neuburg (Donau), Babylätzchen und Seifentücher mit den lustigen Disney-Märchenfiguren aus Kulmbach, waschbare Plisseeröcke aus Bremen, Hemd und Unterhose „in einem Stück“ für Damen und Herren aus Elmshorn und eine Fülle modischer Neuschöpfungen aus Velveton, Waschcord oder Kräuselcrepp, geboten von Firmen aus allen Teilen des Bundesgebietes und auch aus Berlin. Festgehalten sei noch, daß in diesem Sommer mit einem weiteren Einbruch der Farbenfreudigkeit selbst bei der konservativen Männermode zu rechnen ist ...

Und die Preise? Auffällige Veränderungen (nach unten) waren nicht zu beobachten. Vielleicht stehen sie aber bevor, wenn sich der Wettbewerb zwischen der Chemiefaser (mit ihren kürzlichen Preisherabsetzungen) und der Naturfaser stärker auswirkt. Er kam in Hamburg bereits fühlbar zum Ausdruck: die Farbenfabriken Bayer propagierten in einem repräsentativen Sonderstand und in den Ständen zahlreicher Aussteller geschickt und eindrucksvoll ihre Erzeugnisse Cupresa und Cuprama, die „Stoffe aus der Retorte“, mit denen der junge Berliner Modeschöpfer Heinz Oestergaard gerade eine begeistert aufgenommene Modeschau quer durch Westdeutschland gestartet hat. Hinzu kommt, daß die Phrix AG. (über die Hamburger Textil-Ausstattung GmbH.) zum erstenmal mit Wäscheerzeugnissen aus ihrem Phrilon an die öffentlichkeit trat. Das Bild dieser Textilmesse wäre aber unvollständig, wenn man den Erfolg übersehen würde, den der Gesamt verband der Leinenindustrie und der Fachverband Kokosindustrie mit werbewirksamen Sonderschauen erreichte. we.

Auf einer Vorstandssitzung, die kürzlich stattfand, äußerte der Bundesverband Bekleidungsindustrie „stärkste Bedenken gegen eine von der Wertschöpfung erhobene Produktionssteuer“, wie sie vom Bundesfinanzministerium erwogen werde. Die Wirkungen einer solchen Maßnahme seien im Moment noch nicht absehbar, aber die Nachteile überwogen. bisher die Vorzüge. Man bleibt nach derzeitigem Stande der Dinge offensichtlich lieber bei der jetzigen Umsatzsteuer. „Da wissen wir, was wir haben.“ Kommentar am Rande: Bislang hätten alle Gesetze, die alte Komplikationen beseitigen sollten, lediglich neue geschaffen.

Nächstes Kardinalthema war die Reliberalisierung, die sich voraussichtlich, besonders stark auf dem Textilgebiet auswirken wird. Wenn das Ressortministerium für die! Liberalisierung einer begrenzten Kategorie von Textilfertigerzeugnissen (etwa Wollkleider) eintrete, so formulierte man, dann verlange der Verband die vorherige Liberalisierung bei Vorprodukten.

Einem Bericht des Verbands-Präsidenten Dr. Curt Becker über seine Eindrücke auf einer mehrwöchigen Amerikareise folgte ein Korreferat von Prof. Schuster vom Deutschen Industrieinstitut. Scharfe freie Konkurrenz, allseitige Bereitschaft zum Kampf um einen Marktanteil, stetes Streben nach weiterer Erhöhung der Kaufkraft und optimaler Produktivität um niedriger Preise willen, Zusammenarbeit der Sozialpartner infolge gleichgerichteter Interessen – das sind einige der Ingredienzien des Wirtschaftslebens in den USA, die Dr. Becker auffielen. Und: „Die Unternehmer arbeiten drüben so hart, daß sie schlechte Objekte für Lebensversicherungen sind“. Man sah nachdenkliche Zuhörer. B.